Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 15.1897

Seite: 89
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Gegenstand dein Kompositionstakent des
Malers gemacht hat.

In den Leibungen der südlichen Chor-
fenster sind sechs einzelne H eilige n-
g e st a l t e n gemalt i 1. Der h l. M a r -
tinus, als Bischof mit Albe, violetter
Dalmatika und gothischer Casnla angethan,
reicht einem Krüppel ein Stück Tuch und
hält in der Rechten den Hirtenstab;
2. S t. A n t o n i n s der E i n s i e d l e r
mit violettem Obergetvande hält in der
Linken ein Buck, in der Rechten eine
Glocke; 3. St. Leonhard in violettem
Gewände hat hier nicht, wie gewöhnlich,
eine Kette als Attribut, sondern trägt ein
Buch und eine Art Scheibe oder Kugel;

4. St. Laurentius, nicht als Diakon
wie sonst, sondern in langem Gewände
als Priester dargestellt bloß mit einem
Buche; 5. St. Sebastian in jugend-
licher Gestalt, von zwei Pfeilen durch-
bohrt ; 6. St. i k o laus v o n T o l e n -
tin mit dem Stern ans der Brust, der
schon während seines Lebens über ihm er-
schien, namentlich, wenn er am Altäre das
heilige Meßopfer feierte.

Tie Innenseite des Chorbogens, dem
Hochaltar zugcwandt, zeigt das jüngste
Gericht, aber nicht mehr in der Ans-
sassung, wie sie die Zeit der Golhik, be-
sonders in ihrer Plastik, in allen be-
deutenderen Kirchen gibt. Die naturali-
stische Eycksche Schule brachte nämlich ein
neues Moment in das Weltgerichtsbild,
neu zwar nicht bezüglich der Anordnung,
wohl aber bezüglich der Darstellung der
Seligen unb Verdammten. Sie stellen die
Gerichteten in purer Nacktheit dar. Bis-
her konnte man dieselben ihrem Berufe
und ihrer Lebensstellung nach unterscheiden
und man findet da, daß die christlichen
Künstler bei Ertheilung von Lohn und
Strafe unterschiedslos zu Werke gegangen
sind; im Paradies sowohl als in der Hölle
finden wir alle Stände und Geschlechter
vertreten. Diese Unterscheidung wird aber
jetzt nicht mehr möglich, wenn die Ge-
riehteten in purer Nacktheit dargestellt
werden. Eine solche naturalistische Auf-
fassung des jüngsten Gerichts haben wir
auch hier in Zell. Vom Beschauer aus
gesehen links kommen unten die Todteil
ans den Gräbern; oben steht der hl. Petrus
vor der Himmelspforte; eine Menge nackter

Gestalten, die flehentlich um Einlaß bitten,
steht vor ihm. Rechts werden die Ver-
dammten, ebenfalls lauter nackte Gestalten,
von den Teufeln zur Hölle gezerrt. Es
lassen sich noch einzelne Arten von Sünder
unterscheiden, so wird z. B. unten ein
Geizhals von dem Hauptteusel, einer greu-
lichen Gestalt, mit Haut und Haar samt
seinem Geldbeutel, den er um den Hals
hängen hat, verschlungen. Oben sind zu-
sammenblasende Engel angebracht, während
an die Stelle des Richters, dessen Gestalt
durch die Veränderung des Chorbogens zu
Grunde ging, ein Lamm Gottes neu ge-
malt wurde. Schließlich noch die Be-
merkung, daß auch die Untersicht des Chor-
bogens bemalt war und zwar in sinnreicher
Weise, wie in der St. Martins- und
Frauenkirche zu Memmingen, mit den klugen
und thörichten Jungfrauen. Bis ans einen
kleinen Rest waren auch sie durch die Um-
gestaltnng des Bogens zerstört worden.

So haben wir denn in diesen alten
Wandmalereien des Kirchleins zu Zell ein
merkwürdiges Denkmal umc mittelalterlicher
Kunst-, Kultur- und Kostümgeschichte so
auch ein Zeugnis mittelalterlichen Glau-
bens, Denkens und Fühlens, einen herr-
lichen Ausdruck auch nicht minder mittel-
alterlicher Frömmigkeit. Die Form, der
Stil und die ganze Auffassung, in welcher
dieses Denkmal gegeben wird, ist zwar
eine in hohem Grade naive, kindliche uns
fern von jedem Naturalismus; sie er-
innert uns unwillkürlich an die urwüchsige
Sprache der mittelalterlichen Passionalien;
aber sie ist neben ihrer Einfachheit doch
zugleich eine eindringliche und deutliche
Sprache, durch welche überall dem Be-
schauer gegenüber sofort der Hauptgedanke
zum Ausdruck kommt, ohne daß man ihn
erst aus einer Menge von Beiwerken her-
ausznsuchen braucht. Und wie mit weni-
geil Figuren oft die gedankenreichste
Koniposition hingeworfeu wird, so ist auch
mit wenigen Strichen nicht selten ein ganz
herrlich empfundener Kops gezeichnet; be-
sonders finoet man öfter mit ein paar
Stichen und Punkten im ersten Cyklns ein
Marien- oder Christusköpfchen voll reizen-
der Anmuth nur so frisch und keck hinge-
worfeu; mit einem Worte, bei aller hand-
werksmäßigen Einfachheit zeigt sich doch
eine Freiheit, Kühnheit und Reichthum der
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