Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 15.1897

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regenden Moments, das der Darstellung
zn Gründe liegt. Der Hintergrund ist
sorgfältig.

Wir nehmen aber keinen Anstand, auch
weiterhin die beiden Gemäldennmmern 3 (Ge-
burt des Johannes) und 4 (Beschneidung)
mit dem Typus C zu verbinden. Die
Figur des Kindes kann selbstverständlich
hier niebt leitend sein, aber die anderen
Glieder der Kompositionen. Auffallend
ist hier, daß der orientalische Gesichts-
typns bei Frauen und Männern sehr
stark überwiegt; selbst die Madonna, die
durch einen Nimbus ausgezeichnet und
kenntlich gemacht ist, macht hievon keine
Ausnahme. Oben wurde hervorgehGen, daß
bei dem Typus A der orientalische Ge-
sichtsschnitt ganz fehlt, bei Typus C kommt
er wohl vor (9—12), aber untergeordnet
und nur lheitweise vermischt mit dem ger-
manischen. Gs ist aber glaubhaft, daß
der Maler die leibliche Verwandt-
schaft der gesammten ansehnlichen und
zahlreichen Sippe etwas stark znm Aus-
druck bringen wollte und denselben einen
übereinstimmenden Gesichtstypns absicht-
lich verlieh, und auch die Zahl der Theil-
uehmer hoch griff.

An den Typus A aber schließen sich
nach unserer Auffassung die zwei Paare
an: 13 (Enthauptung), 14 Zleberbringnng
des Hauptes des Täufers), 15 (Begräb-
niß seines Leichnams) und 16 (Begräbniß
seines Hauptes). Der enthauptete, mit
einem Tuch zngedeckte Leib des Johannes
kann nicht mehr leitend sein, wohl aber
die Gesellschaft, die von dem Maler vor-
geführt wird. Noch einmal wird die Hof-
gesellschaft vorgesührt (in 14), aber keines
von den bei C auftrelenden Gesichter ist
wieder zu erkennen; auch Herodes und
die Herodias sind andere geworden als
in 11 und 12. Die Herodias ist eine
stattliche Frau, aber männlicher und ent-
schlossener als zuvor (11 liub 12), und
die Tochter derselben, die das Haupt des
Johannes überbracht hat, hat sogar herbe
Züge; auch bei den männlichen Figuren
herrschen die düsteren, traurig und miß-
muthig anssehenden Gestalten. Mit Aus-
nahme deS Scharfrichters in seiner eng
anliegenden Tracht verrathen die andern
Männer in ihren breiten Köpfen ltnb
Extremitäten eine robuste Gestalt, die

sich auch aus dem letzten Gemäldepaar
überall bemerklich macht, unterstützt noch
durch die weiten Mäntel der bei der Be-
erdigung Hilfe leistenden Männer; von
semitischem Typus ist überall nichts wahr-
znnehmen. Der Vordergrund ist belebt
einestheils durch die Gestalt des schaufeln-
den Totengräbers, andererseits durch die
Laute, welche der Tochter der Herodias
zugehört. Ans den ganz schülerhaften
Banmschlag des Hintergrundes bei 15 und 16
ist schon im Eingang hingewiesen worden,
mit dem Bemerken, daß diese ausfallende Zn-
lhat nicht hoch anznschlageu sein werde.

Somit wäre nach unserer Ansfassung
nur tioch nachzuweisen die Unterbringung
des ersten Gemäldepaars (1 Opfer des
Zacharias und 2 Elisabeth und Maria»
und der Predella. Von dieser möge
zuerst die Rede sein.

Die Kunsthistoriker haben den Geinäl-
deu derselben nicht weniger ihre Aufmerksam-
keit zugewandt, als den Gemälden des
Cyktns selbst; aber nach unserer Meinung
ist es ausfallend, daß sämmtliche dieselbe
als eine einheitliche Leistung, d. h.
als eine von einem uub demselben Meister
herrührende Malerei betrachten. Man
vergleiche aber die Brustbilder auf dem
rechten und aus dem linken Flügel, so
kann man sich nicht erwehren, einen durch-
greifenden Kontrast zwischen ihnen znzn-
gestehcn; ans der einen Seite befinden
sich drei derbe germanische, ans der andern
drei sein gehaltene proportionirte Brust-
bilder. Warum sollte nickt auch an den
Gemälden der Predella sich mehr als
ein Meister betheiligt haben, nachdem
der ganze Cyklus der Altargemälde
vertheilt worden war? Dazu kommt, daß
auch der Charakter der hier angebrachten
Inschriften verschieden ist; ans der einen
Seite wohl auseinander gehalrene, leicht
leserliche Buchstaben, ans der andern zn
eng beieinander stehende, deßhalb schwer
zn lesende Schrift.

Als Ergebnis; unserer Vergleichungen
wären zu uotireu drei Typen oder drei
Meister A, B, C.

Das ist ziemlich nahe übereinstimmend
in der Hauptsache mit dein Urtheil der
meisten Kunsthistoriker, besonders mit
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