Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 15.1897

Seite: 108
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sehe nicht ein, warum man nicht in der-
artigen Fallen zn dem einfachsten Ans-
knnftsmittel greifen und den romanischen
Stil wählen sollte. Tie romanische Kirche
in Hohenberg bei Ellwangen ist abgebildet
im „Archiv" 1895, Nr. 3; sie stellt ge-
wiß ihrem im gothischen Stil längst be-
währten Erbauer, Architekt Cades in Stutt-
gart, das Zengniß ans, daß er auch des
romanischen Stils vollkommen mächtig ist
und giebt Anlaß zur Frage, ob wohl die
Gothik mit ähnlich bescheidenen Mitteln je
diese wahrhaft monumentale Wirkung hätte
erzielen können. Gegenwärtig baut Cades
die Kirche in Urach, bei höchster Einfach-
heit ein Ban von reicher Grnppirnng und
imposanter Anßenarchjtektnr; sie ist drei-
schisfig, mit gewölbtem Hauptschiff und gleich
hohem Qnerschiff, bietet 400 Sitzplätze,
600 Stehplätze m.b kostet 53 000 M.

Jur parainentiF.

Das gründliche Studium der erhaltenen
Neste mittelalterlicher Seiden- und Sam-
metweberei, das unverdrossene Bestreben,
dieselben nicht bloß nach Musterung und
Farbenzusammenstellnng, sondern im eng-
sten Anschluß an die alte Webetechnik naehzn-
bilden und so den neuen Geweben die ganze
Pracht der Wirkung wie namentlich auch
die volle Solidität und Unverwüstlichkeit
der alten zu sichern, hat die Knnstweberei
voie Th. Gotzes in Crefetd zn einem
neuen großen Triumph geführt. Ihr
jüngstes Erzeugnis; ist ein Goldbrokat,
der den besten Leistungen früherer Jahr-
hunderte völlig ebenbürtig und dessen Wir-
kung von geradezu unbeschreiblicher Pracht
ist. Derselbe wurde in zwei verschiedenen,
gleich günstigen und stilvollen Muster-
ungen hergesiellt. Dadurch, daß die Gold-
fäden der Mnstening je besonders unter-
legt sind, tritt die Zeichnung reliefartig
hervor und hebt sie sich von dem
weißen Grund kräftig ab. Grund und
Zeichnung stehen im besten Gleichgewicht
zn einander; ihr Ztisammenspiel ist aber
dadurch noch besonders sein gestimmt, daß
auch der weiße Seidengrnnd mit Gold
unterlegt und goldig dnrchschinnnert ist,
so daß die weißen Grundflächen und die
Goldmnsternng nicht hart aufeinander
stoßen, sondern unbeschadet der Kraft der
Dessinierung weich in einander übergehen.

Man mag diesen Stoff ans unmittel-
barer Nähe oder ans weiterer Ferne auf's
Auge wirken lassen, der Eindruck ist inaner
ein wahrhaft entzückender. Die sebarfeit
feurigen Glanzlichter des Golddessins er-
zeugen im Bunde mit dem gedämpften
Leuchten des golddnrchblitzten weißen Grun-
des die reizendsten Lichtreftexe, und das
wundersame Spiel der letzteren wird,bei
jeder leisen Bewegung aufs mannigsamste
variirt; das ist ein steter lebendiger
Wechsel, ein beständiges Hin- und Her-
flnthen des goldenen Lichtgewoges, tvie man
festlicher und prächtiger sich nichts denken
kann.

Da für Herstellung dieses Stoffes nur
Seide allererster Qualität und nur ganz
ächtes, direkt ans Japan bezogenes Gold
verwendet und nichts gespart wird, um
demselben die denkbar höchste Haltbarkeit
zn sichern, so stellt sich natürlich der
Preis ziemlich hoch. Der Meter kostet
58 Mark. Somit schränkt Qualität
tvie Preislage die Verwendung des Stoffes
ans Festgewänder ein; für diese erscheint
der Preis mäßig, wenn man bcu Stoff
mit den üblichen, thenren und doch min-
derwerlhigen Goldbrokaten vergleicht, und
wenn man bedenkt, daß derselbe bei halb-
tvegs ordentlicher Aufbewahrung und Be-
handlung sicher ein Jahrhundert in un-
getrübter Schönheit seinen Dienst thnn
kann. Ein Meßgewand von diesem Gold-
brokat mir feinstem Seidenfntter kommt
auf 452 M. Für den Dom zn Pader-
born wurde eine ganze Kapelle bestellt,
welche noch nicht einmal 3000 Mark
kostet.

Doch hat dieselbe Firma, worauf wir
bereits im Jahrgang 1895 S. 60 hin-
tviesen, ebenfalls ganz nach alten Mustern
und alter Technik auch billigere Stoffe,
in Seide und Sammet hergestellt, welche
sehr wohl für den täglichen Gebrauch sich
eignen. Sie sind thenrer oder auch bil-
liger als die gewöhnlich zur Verwendung
kommenden Seidenstoffe: thenrer, wenn man
bloß die Preishöhe, billiger, wenn man
die Qualität und die Lebensdauer vergleicht.
Die Brokatellstoffe in allen Farben kosten
20 Mark pro Meter (ein Meßgewand
römischer Form 168 Mark, golhischer
Form 245 Mark); die herrlichen Sam-
metstoffe in roth, grün, violett 27 Mark,
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