Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 15.1897

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in schwarz und weis; 36 Mark. Nun
kann ntait freilich Seidenstoffe um sehr
viel billigeren Preis haben; aber man
maebc nur die Probe und lege solche
Stoffe neben die neuen Crefelder: selbst
daö Laienange wird sofort erkennen, daß
die letzteren rvirklieb um so viel mehr
wertst sind. Für die unvergleichlich größere
Haltbarkeit derselben ist noch kein längerer
Erfahrnngobeweis erbracht; aber diesen
ersetzen allerlei Gewaltproben, welche man
mit den Stoffen vornehmeit kann und anö
welchen sie völlig unverändert hervorgehen.
Der Sachverständige kann die Herstellungs-
art derselben genau kontrolliren und mit
der mittelaltenlichen Webetechnik vergleichen ;
er wird c>kennen, daß die völlige Gleich-
heit der Technik und die Güte alles ver-
wendeten Materials auch dieselbe Dauer-
haftigkeit garanlirt, tvelche wir an den
alten Webereien bewundern. Die einzige
Gefahr ist, namentlich bei Gewändern, die
täglich benützt werden, die Verunreinigung
und Beschmutzung; aber alle von der
Firma bezogenen Stoffe werden jederzeit
von derselben auch ivieder gereinigt. Be-
rücksichtigt man all' dies, so ergibt sich
ein einfaches Nechenepempel: ein Meß-
gewand ans dem neuen Crefelder Stoff
für 168 M. ist weil wohlfeiler und bil-
liger als ein Meßgeivand ans gewöhn-
lichem Seidenstoff für 80 M., denn es
hält sicher fünfmal so lange als ein solches.
Wer also vernünftig sparen will, wird
hier entschieden dem lhenreren Stoff den
Vorzug geben.

Auch die Versuche der Firma, die a lt-
k ö l n i s ch e n B o r t e n nachznbilden, haben
zu weiteren schönen Resultaten geführt.
Dieselben haben eine Breite von etwas
mehr als 10 cm und können für Stolen,
Caselkrenze, Stäbe für Meßgewänder,
Dalmatiken und Plnvialen Verwendet
werden. Sie sind entweder mit stilvollem
Ornament, Rosetten, Bäumchen, Ranken
dnrchwirkt, oder auch mit Heiligenfignrchen
besetzt im Stile der alt kölnischen Maler-
schnle. Im letzteren Fall sind die Hanpt-
kontnrcu eingewoben, die Gesichter, Haare,
Hände und feineres Detail durch Hand-
stickerei ergänzt. Eine Stola ans präch-
ligem Goldbrokat kommt ans 80 Ast, eine
solche von Seidenbrokatell ans 48 Ast

| Zur Geschichte des Barock- und Zopfstiles.

Die Periode des Barock, Rvcoco und Classi-
cismus hatte am Ende des vorigen Jahrhun-
derts so mißtönend ansgeklnngen und mit einem
solchen Bankerott an allem Kunstsinn und Kunst-
stil abgeschlossen, das; man lange Zeit gerade sie
als die eigentliche 'Diörbeviit der Kunst, nament-
lich der kirchlichen ansah nnd im Grande die
Akten der Kunstgeschichte mit der Renaissance,
die der kirchlichen Knust mit der Gothik schließen
zu können glaubte. Speziell in Württemberg,
>vo durch die Klöster namcnilich Oberschivaben,
ein klassischer Boden jener Spätkunst wurde,
hatte man bis in die neuere Zeit herein den
zahlreichen nnd großartigen Schöpfungen der-
selben kaum Beachtung geschenkt; die Artikel in
den „Historisch-politischen Blättern" über Würt-
tembergs letzte Klosterbauten (1388) nnd die
einschlägigen Parthien in nnserein Vereinswerk:
„Württembergs kirchliche Kntistalterihümer" führ-
ten eigentlich erstmals jene Werke in die kunst-
geschichtliche Betrachtung ein.

Jetzt ist cs uns zum Bewußtsein gekommen,
daß jener Periode schiver Unrecht geschah, daß
dieselbe, mag man sie auch für unser kirchliches
Banen nnd Kunstschaffen nicht für vorbildlich
iinb mustergiltig gelten lassen, doch den Anspruch
erheben kann, als eigentliche Knnstperiode mit
eigenem Stil, ailfrichtigem Kunstbestreben nnd
großem Kunstvermögen gemerthet zu werden.
Die Werke vrni Ebe (Die Spätrenaissance, Ber-
lin 1886) nnd Gurlitt (Geschichte des Barockstils
nnd des Rococo in Deutschland. Stuttgart,
1889) halten ein altes Unrecht zu sühnen und
ließen sich mit Erfolg die Ehrenrettung jener
Kunst angelegen sein. Speziell für Württemberg
unterzog sich dieser RestitutionSpflicht Ur. B e r t-
hold Pfeiffer, welcher die soeben erschienene
erste Lieferung des Staats - JnventarisaiionS-
werkes, tvelche sich mit dem Donankreis befaßt
(Die Kunst- und Alterthnmsdenkmale ini König-
reich Württemberg, bearbeitet von Dr. Eduard
Paulus. 21. nnd 22. Liefg. Stuttgart, Reff,
1897), mit einer 50 Seiten starken Abhandlung
über Kultur nnd Kunst in Oberschivaben im
Zeitalter des Barock, Rvcoco nnd Classicismus
einleitet. Die mit zahlreichen, feinen Jllnstra-
tionen dnrchwobene Abhandlung erweist sich als
reife Frucht gründlicher Studien nnd Qncllen-
forschungen nnd trägt 511m Verständnis; der herr-
lichen Bauten nnd ihrer Geschichte namhaft bei.

Beinahe gleichzeitig mit dieser Studie erschien
nun auch ein Prachtwerk unter dem Titel: Ba-
rock, R 0 c 0 c v li n d L 0 u i s X VI. a u s S ch >v a -
ben u 11 b der Schweiz. Herausgegeben von
Wilhelm Kick, Architekt in Stuttgart. Mehr
als alle bisherigen Publikationen wird dieses
herrliche Werk dazu dienen können, das Urtheil
über die Kunst der Nachrenaissance zu berich-
tigen, ihr neue Freunde zuznführen nnd die
Blicke ans die monumentalen Werke hinzulenken,
an welchen nainentlich nnsec Oberschivaben so
reich ist; denn es lneitet ans 80 Lichtdrncktafeln
in Folio noch Photographien, tvelche je unt.r
Anleitung des Architekten selbst gefertigt wurden,
den ganzen Reichthum der Schöpfungen jener
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