Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 15.1897

Seite: 110
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Kunst auf dem Gebiet der Architektur, Skulptur
und Malerei vor dem erstaunten Auge zu mühe-
loser Beschauung aus. Ein Textheft von 18 Seiten
gleichen Formats begleitet die Tafeln mit kurzem,
trefflichen Cvnnneutar; derselbe stammt ebenfalls
aus der Feder von Dr. Berlhold Pfeiffer.

Wer sich noch nicht näher mit dieser Periode
und ihren Denkmälern besaßt hat, bei» werden
bei Betrachtung dieser Tafeln fast die Augen
übergehen und ivohl eine gaitz neue Welt anf-
gehen; wäre er selbst ein begeisterter Golhiker,
er ivird doch das Werk aus der Hand legen mit
dem Geständnis): wahr ich auch das ist Kunst,
und kirchliche Kunst. Welch' eine architektonische
Meisterschaft in der Grnndrißbildnng und Kon-
stnlktion dieser Niesentcmpcl! Welch' eit! tech-
nisches Vermögen in diesen Skulpturen und per-
spektivischen Dtalereien! Welch' feiner Geschmack
in diesen Stnccatnren, tvelch' überqnellende Phan-
tasie, welch' ein unversieglicher Fvrmenreichtbnm
in allen, auch den kleinsten Gebilden! Welch'ein
Schöpfen ans dem Volleti und ans dem Eigensten!
Welch' ein freudiger Einsatz alt' seines Könnens
im Dienste der Kirche! Welch' eine souveräne
Beherrschung und meisterhafte Handhabung dieser
Stile! So starke Spuren der Decadence die-
selben auch an sich tragen, ganz sicher haben die,
welche sie in den Dienst des Heiligthnms beriefen,
sie für gut unb würdig, ja für die besten und
vollkommensten gehalten, und sie halten die lautere
Absicht, und das reine Bewußtsein, ihr Bestes
Gott zu opfern.

Es ist schwer, in ivcnigen Worten eine Bor-
siellnng zu geben von dem, rvas dieser Pracht-
band Herrliches in sich schließt. Man muß die
Tafeln selbst tvieder und tvieder an seinem Auge
vorübergehen lassen, bis man sich — und das
ivird nicht lange anstehe» — heimisch fühlt in
dieser Welt, die uns so nahe lag und die uns
so fremd geivorden ist. Wie in feierlicher Pro-
zession folgen sie einander, die Monumentalbauten
des Barockstils voraus: die Kirchen vom
Schönenberg bei Ellwangen, Obermarchthal,
Friedrichshafen, Weissenan, Weingarten, dann
die des Roeoevstils: Wolfegg, Zwiefalten,
Oltobenren, St. Gallen, zuletzt die desClassi-
cismns: Wiblingen, Salem, Mönchrvth; im
Anhang noch das Lustschloß Svlitnde bei Stutt-
gart und die Fassade der St. Nikolanskirche in
Prag solvie eine sehr werthvolle Serie von
Grundrissen; man bedauert nur, daß nicht Neres-
heim und Schönthal oucCj noch Aufnahme ge-
funden haben. Zwischen die architektonischen
Außen- und Innenansichten schieben sich in
wohlthnender Abwechslung ein Details der
Stnccatnren, eine reiche Galerie von Chorge-
stühleu, Kanzeln, Altären, Beichtstühlen, Chor-
gittern, Orgeln, — ausnahmslos äußerst charak-
teristische Produkte jener Spälsute, zum Theil
von einer stauuensweriheu Pracht und Kunst-
fertigkeit.

Die Aufnahmen sind ausnahmslos alle vor-
trefflich gelungen, die Wiedergabe im Lichtdruck
fein und delikat, der Tept kurz, aber sehr ge-
haltvoll, der Niederschlag ausgedehnter kunst-
historischer Studien; das Papier vorzüglich, die

Mappe eines Prachliverkes ivürdig. Für jeden,
der sich in diese Knnstperiode einleben ivill, ist
diese Publikation unentbehrlich, jedem Knnst-
srcnnd wird sie die genußreichste und anregendste
Unterhaltung gewähre». Möchte die Höhe des
Preises: 50 Mark, einer weiteren Verbreitung
nicht im Wege stehen. In Wahrheit ist dieser
Preis für 88 Tafeln mit 16 Textblättern und
Prachtmappe erstaunlich billig. Um dem Klerus
die Anschaffung zu erleichtern, hat sich die
K n n st a n st alt von K a r l E b u e r i n S t n t t-
gart, welche den Alleinvertrieb hat, zudem noch
erbölig erklärt, jedem Geistlichen bei Baarzahlnng
20 °/0 R'abatt zu gewähren und auch Raten-
zahlungen von 10 Mark pro Monat anznnehmen.
Jedenfalls sollte das Werk in keiner Kapitels-
bibliothek fehlen.

Literatur.

G e s ch i ch t e de r ch r i ft £ i cf) e n K u it ft. Non
F r a n z X a v e r K r aus. Zweiter Band.
Erste Abtheilung: Mittelalter. Alit Titel-
bild in Heliogravüre und 360 Abbildungen
im Tert. Freiburg, Herder 1897. 512 S.
groß 8°. Preis: 14 M., geb. 19 Vl.

Dieser stattliche, reich illnstrirte Halbband
umfaßt die karolingisch-ottonische, die romanische
und die gothische Kunst, also die reichste und
glanzvollste Periode christlichen Kunstschaffens.
Wer glauben würde, es sei nicht wohl möglich,
über die viel durchforschte und literarisch be-
handelte Kunst des Mittelalters wesentlich Neues
zu sagen, würde sich bei Durchlesnng dieses Ban-
des angenehm enttäuscht finden. Die Darstellung
setzt nicht bloß die noch ziemlich beschattete ka-
rolingisch-vtlonische Periode eigentlich zum ersten
Mal in genügende Beleuchtung; auch >vo sie in
die bekannten R'egionen der romanischen »>»'
gothische» Kunst einlenkt, bewegt sie sich m Am
ansgetretenen Geleisen, sondern iveiß selbst
dem Kundigen viel Neues zu sagen n o zu
zeigen; so z. B. in den Ausführungen über die
Stellung Karls des Großen zur Kunst, über die
karolingisch-ottonische Bilderbibel, über denPiha-
rakter des romanischen und gvthischen Stils,
über den Ursprung der Gothik; und auch >oo
sie altes sagt, sagt sie es in geistvoll neuer Weise.
Besonders gehaltvoll ist das dreizehnte Buch, in
welchem die schon früher des öfteren berührte,
viel umstrittene byzantinische Frage gründlich
erörtert und sieghaft nachgewiesen wird, daß man
den Einfluß des Byzantinismus, namentlich auf
die deutsche Kunst bedeutend überschätzt hat. Noch
»sichtiger ist das fast 100 Seiten füllende neun-
zehnte Buch über die Ikonographie und Lym-
holik der mittelalterlichen Kunst; hier sind zum
ersten Mal die Grundlagen gegeben und Grund-
linien gezogen für eine wissenschaftliche Ikono-
graphie. So empfiehlt auch dieser Band sich
selbst dem Interesse aller Kunstfreunde und dem
Studium besonders des Klerus. Die zweite
Abteilung des zweiten Bandes, der Schluß des
ganzen Werkes, ans ivelches Deutschland stolz
fein darf, wird 1898 erscheinen und ausführliche
Sach- und Namensregistcr bringen.
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