Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 16.1898

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die schon genannte Statue der Mutier Gottes mit
dem Jesuskinde, ivelche der erste Kuratieverweser
M. Ginter (ehemaliger Schntinspektor in 'Aord-
sletten) bei Kaufmann Lieb in Altensteig entdeckte
und um ein Karolin für die Pfartkicche znrück-
> erwarb. Dieselben wurden 1853 uon lüdet'
Aieintel in Horb gefaßt und bilden seht einen
schönen Schmuck des im Jahre 1885 von Gieß
in Zwiefalten erbauten neuen Altares. lindem
sua fata — sculpturae.

Widmen wir diesen Bildern eine kurze Be-
trachtung. Dieselben sind je 1,72 m hoch' und
sehr schwer. Deswegen ivurden sie auch bei der
'Aufnahme durch Photograph Holländer von Na-
gold in ihrer engen Nische belassen. Sankt Johan-
nes der Täufer, eine hagere Gestalt, hat eine etwas
steife Haltung. In seiner linken Hand trägt er auf
einem Buche das Lamm, mit seiner rechten hält
er ans der Photographie in sehr ungeschickter Weise
ein Kreuz. Haupthaare und Bart sind sorgfältig
behandelt; die nach oben gerichteten Augen und
das dnrchgeist'gte Antlitz machen beh Eindruck,
als würde der Heilige in eine andere Welt hineilt-
schatten. Die Getvandnng ist reich an gebrochenett
Falten und läßt den einen Fuß theiltveise nttbe-
deckt, tvie das bei Bildern des hl. Johannes ans
jener Zeit öfters tvahrgenommen tverdett kann
t Blanbenren). Der Ansicht, daß die Skulptur
des hl. Johannes nicht so alt sei, tvie ihr Ge-
genstück, vermögen tvir uns nicht anzuschließen.
— Sehr gerne weilt das Auge bei beut Bilde
Mariens mit detn Jesuskinde. Letzteres ist schön
und voll Leben. Das eine Händchen hält einen
Apfel, das andere spielt mit detn Schleier, wel-
cher, von der Mittler Haupt herabfließend, die
Blöße des Kindes bedeckt Tie Gestalt Mariens
ist von hohem Adel, auf ihrem Antlitz ruht
mütterliche ttnd himmlische Seligkeit. Die Dra-
perie welche tu ihren unterenTheilen ziemlich viele
Einktticknngen zeigt, tvirkt etwas ttnruhig.

Der treffliche Kenner der mittelalterlichen denll
scheu Skulptttr, Pfarrer Dr. Piobst in Essen-
dorf schreibt uns über beide Bildwerke noch
folgendes. „Was die k u n st g e s ch i ch t l i ch e
Stellung und W ü rdig tt tt g der beiden Skulp-
turen betiifft, so fällt sogleich in die Augen, daß
der Madounenslatue der Vorrang gebührt; bet
dem Täufer ist besonders die 'Art ttnd Weise
störend, tvie derselbe ein Krettz ganz an fein
Gesicht gedrückt hält, tvahrscheinlich nur ein nach-
träglich ihm beigegebenes Attribut. Dagegen
macht die Madonna einen recht günstigen Ein-
druck. Daß diese Slaitte aus dem Ende des
15. Jahrhunderts stammt, geht nicht bloß ans
der Inschrift hervor, sondern tvird auch durch
den stark knitterigen Faltenwtrrf bestätigt; hievon
abgesehen, nrttlhet aber dieselbe an, tvie ein
später Nachklsrig ans der Werkställe des Meisters
Lukas Moser in Weil (der Stadt), der im
Jahre 1431 den bekannten Altar in Tiefenbronn
erstellte.

Wir können nicht umhin, die Bemerkung
hinzttznfügen, daß B. v. Reber in München
noch ganz in neuester Zeit (1895)x) und noch

') Sitzungsberichte der K. bayerischen Aka-
demie der Wissenschaften. 1895. S. 443—489:

in kräftigerer Weise als andere Kunsthistoriker
dent Werke Mosers in Tiefenbronn eine sehr
hervorragende Bedeutung für die Kunstge-
schichte in ganz Oberdeutschland beimißt. Sollte
diese Werkstätte nun tvie ein Meteor plötzlich
aufgetaucht und ebenso wieder verschtvttnden sein,
ohne einen weiteren Einfluß auf seine Gegend
ausgeübt zu haben? Sein Klageruf: „Schrei,
Kunst, schrei und klag dich sehr, dein begehrt
jetzt niemand mehr", ist tvohl doch nicht so tra-
gisch ztt nehmen, als er lautet. Wenn aber
irgendwo, so dürfte für sorgfältige Nachforsch-
ungen nach lueiteeeu Werken des Meisters Lukas
und für eine Fortdauer des Einflusses jener
Werkstätte, gerade hier, im Gebiete der östlichen
Abdachung des Schwarzwaldes gegen das Unter-
land, am meisten Aussicht attf Erfolg vorhanden
sein. Ein Erfolg in dieser Beziehung würde
aber nt den weitesten Kreisen mit Freude begrüßt
werden."

Kehren wir wieder zum Jahre 1830 zurück.
Als der mit dem erkauften Altäre beladene
Wagen in Gündringen angekommen ivar, erhielt
der Fuhrmann, welcher das Schreinerhandwerk
betrieb, den bestimmten Auftrag, den 'Altar zn
zersägen und das Holz aufzubereiten. Der
Schreiner entledigte sich seiner Aufgabe (aus
einigen Altarstücken wurde eine Wiege gezimmert,
ivelche der f Schultheiß Klink noch vorzeigen
konnte), fühlte aber doch ein menschliches Rühren,
als er auch die Tafelgemälde zersägen sollte:
er machte geeignete Vorstellungen und wußte es
durchzusetzen, daß dieselben verschont blieben.
So wunderten die Bilder auf die Bühne des
Pfarrhauses und waren nun auch „in die Sicher-
heit salviret". Eine neue Zeit brach für die-
selben an, als sich an der Stelle der alten Kirche,
ivelche durch Brand gänzlich zerstört worden
war, eine neue erhob, die 1837 durch den hochiv.
Bischof v. Keller eingeweiht wurde. Der Staat
hatte aus Vparsamkeitsriicksichten in die neue
Kirche nur Einen Altar machen lassen; das war
dem damaligen Pfarroerweser doch etwas zu be
scheiden; er ließ deßhalb die Gemälde in die
Kirche bringen und zwei davon an den beiden
Seiten anfhängen, wo sonst die Nebenaliäre
stehen. Der spätere Vorwurf, daß es nur Einen
Gott gebe, nttd man deßhalb nur Einen Altar
brauche, wurde glücklich entkräftet mit dem Hin-
weise darauf, daß in Golt drei Personen seien,
daß mithin also auch 3 Altäre eine Berechtigung
haben.

Als im Anfänge der fünfziger Jahre Stadt-
pfarrer Dr. Dursch von Rottweil nach Gün-
dringen kam, um seinen Freund, den damali-
gen Pfarrer Carl, zn besuchen, sah er bei dieser
Gelegenheit auch die altdeutschen Tafeln und er-
kannte sofort deren hohen künstlerischen Werth.
Er wollte dieselben später käuflich erwerben für
den hochw. H. Bischof v. Lipp, welcher sich be-
reit erklärt hatte, für die alten Gemälde drei
nette Altäre erbauen zu lassen, allein der Stif-
tungsrat ging auf das Angebot nicht ein. Eben-
sowenig konnte sich derselbe zu einem Verkaufe

„lieber die Stilentwicklung der schwäbischen Ta-
; felmalerei im 14. und 15. Jahrhundert".
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