Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 16.1898

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tag auch darin, daß die Chorweite nicht
stärker eingeschränkt werden konnte mit'
durfte, da nach maßgebendem Wunsche die
Seitenaltäre an dem Chorbogen angebracht
werden sollten; da war die Schiffweite dann
von selbst gegeben. So kam der Bau-
meister ans die schon den Alten bekannte,
aber hier allein praktische Anordnung mit
in der Hauptsache nach innen gelegten
Strebepieilern. Schon die Konstantins-
basilika ') und der byzantinische Kuppelbau
kennen diese Anlage. Diese Art der Kon-
struktion ist dann im Mittelalter besonders
im südlichen Frankreich ausgenommen wor-
den; wir sehen sie z. B. an der Kathe-
drale von Angonleme ans dem Anfang
des 12. Jahrhunderts, an den Kathedralen
von Veziers, Marseille, Frejns und an
den älteren ans dem 12. Jahrhundert
stammenden Theilen der Kathedrale von
Toulouse;^ ans noch älterer Zeit stammt
die Kathedrale von Cahors. Als Nach-
zügler dieser romanischen Bauten erscheinen
dann in derselben Gegend die Kirchen von
Montzapat^) ans dem Ende des 13. Jahr-
hunderts, zwei Kirchen von Carcasonne,
gleichfalls ans dem 13., und die Kathe-
drale von Alby ans dem 14. Jahrhundert
und andere. Die letztere Kirche hat nickt
weniger als 18 Meter Spannweite bei
30 Meter Höhe und doch sind nach Viollet- I
Le-Dnc diese Konstruktionen durchaus solid
und dauerhaft. Nur bezüglich des Ge-
wölbos unterscheiden sich die älteren Kirchen
dieser Gegend von den jüngeren; die roma-
nischen Kirchen haben Kuppelgewölbe im
Mittelranm und Tonnengewölbe zwischen
den innern Streben; so zeigt die Kathe-
drale von Angonleme vier Tonnengewölbe
im Schiff und die Kirche von Cahors
deren zwei?) Die gothisehen Kirchen da-
gegen haben Kreuzgewölbe mit Nippen,
wie z. B. die Kathedrale von Alby?)
„Ost findet es sich, schreibt uns Herr Cad.s,
daß, namentlich bei Werken der mittleren
Periode, Nippen unter die antiken Kuppeln
gespannt sind. Dieses einschiffige System

0 Abbildung bei M. Viollet-Le-Duc, dic-
tionnaire raisonne de l’architecture , Bd. 1,
S. 224.

2) Viollet-Le-Duc 1. c.

3) Abbildung des. Bd. 2, S. 225 und 226.

4) Grundriß das. 33b. 2, S. 366 und 367.

5) Grundriß das. Bd. 2, S. 381.

mit Kreuzgewölben und oberem Lichtgaden
über den Kapellendächern findet sich wieder
an der Kirche von Oberstadion, ein
Beispiel, das in Schwaben wohl einzig
dastehen dürfte,' d. h. von Kirchen des
15. Jahrhunderts, während die gleichen
Anlagen, aber o h n e o b e r e n L i ch t g a d e n
wne in Nenfra, OA. Niedlingen, Gärt-
ringen, Schwaigern n. s. w. häufig Vor-
kommen."

Um wieder nach Urach znrückznkommen,
so sind die M a ß v e r h ä l t n i s s e der neuen
katholischen Kirche daselbst folgende:

Es beträgt die Miitelschifsweite 8,22 m,
die Seitengangweite 1,50 m, die Gesammt-
innenweite 13,26 m, Innenweite im Qner-
schiff 15 m, innere Schisflänge 20,38 m,
Chorweite 5,60 m, Chorlänge sammt Apsis
8,35 m, Thurm 4,2 na lang, 4,2 m breit,
20 m hoch, Mittelfchisfhöhe bis znm Ge-
ivölbe 9,5 m.

Die Kirche enthält an Sitzplätzen: ans
der Empore 56, im Schiss 350, Stehplätze
600, also zusammen Nanm für 1000 Per-
sonen.

Der Thurm erhebt sich in vier Stock-
werken.und ist ebenso einfach als prächtig
gegliedert und es gibt die Choransicht mit
diesem Thnrme ans unserer Zeichnung schon
ein so lebhaft gegliedertes, schönes Bild,
wie es reicher fast und schöner auch die
Frühgothik nicht geben könnte. Wer möchte
beim Anblick dieses Chores im Ernste von
nenromanischem, von Kasernenstil n. dergl.
reden! Dem Thurm gegenüber lehnt sich
an die Südseite des Chores die zwei-
geschossige Sakristei, die 30 qm nutzbaren
Boden hat. Rechts an der Vorderfront
ist die massive Wendeltreppe zur Orgel-
empore placirt, während links parterre sich
ein kleiner Neqnisitenranm befindet, darüber
auf der Empore ist Platz für Mnsikalien
und sonstige Utensilien.

Was das Material anlangt, ans dem
die neue Kirche erbaut wurde, so brauchte
man glücklicher Weise nicht in die weite
Ferne zu schweifen, da in Urach selbst
und in dem benachbarten Seebnrg sich
große Tnfssteinlager befinden, das nahe
Mittelstadt im Neckarthale aber Kenper-
sandstein lieferte. Es wurden demnach
sämmtliche Mauern und Pfeiler, soweit
sie nach außen nicht sichtbar sind,
von Backsteinen hergestellt, alles übrige
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