Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 16.1898

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in kn Stall ()cnui‘ierfd)Quen; dieselben sind iu-
biuibuelt gehallen nnb sehen ans, als ab sie
dem Wochenmarkt abgcgnckt wären. Auch ein
Wachskerzlcin, welches unten rechts so täuschend
ans der Tafel angebracht ist, das; man es ent-
fernen zn müssen glaubt, bringt in die Kompo-
sition einen Zug von Alltäglichkeit hinein. Da-
gegen athmen Poesie die am Rande des Gemäl-
des sprießenden Pflanzen und Blumen. Letztere
werden zn einem Liede ans Maria, von welcher
einer gesiiugen ,,flos flori placuisti“, sowie ans
jene Wunderblume, welche zu Bethlehem anf-
gegangen ist nnb mit ih> er Schönheit Himmel
und Erde erfreut.

Die Rückseite der Tafel zeigte früher die
Taufe Jesu durch Johannes. Bei genauer Be-
sichtigung kann man noch ein paar Köpfe wahr-
nehmen.

Das Gemälde auf dem Hochaltar, 2,30 m
hoch und 1,75 m breit, führt uns auf seiner
vorderen Seite die Anbetung der hl. drei
Könige vor. In der goldenen Höhe drei
Engel, von ivelchen einer in freudiger Bewegung
seine Hände gegen den achtstrahligen Stent
(8 Seligkeiten) hin ansbreitet.

Unten in dem zerfallenen Palaste heraldisch
ganz rechts sitzt in grünem Gewände, den tveißen
Schleier ans dem Haupte, die hl. Juiigfran, das
nackte Jesuskind mit beiden Händen haltend.
Bor demselben kniet der greise bartlose Caspar
(oder Melchior), derselbe hat Krone und Opfer
auf dem Boden niedergelegt nnb den linken Arm
des Kindes mit beiden Händen gefaßt, um den-
selben ztt küssen. Sein Obergewand ist roth,
seine Tunika grün, sein Gesichtsansdrnck über-
aus edel, während er bei Maria und dem Jesus-
kinde iveniger gelungen zu sein scheint. Mche-
zn in der Bütte der Tafel steht in einem
Prachtgewande der ztveile König, in der Linken
seine Gabe haltend, mit dem Zeigefinger der
Rechten ans den wundervollen Stern hinweisend.
Er ist eilt Mann in den mittleren Jahren, hat
röthliche Haare und röthlicheu Bart, auf seinem
Haupte glänzt die Krone. Die dritte Gestalt
ist ein jugendlicher, bartloser Mohr, welcher
Ringe in den Ohren und rvthe Schnabelschnhe
au seinen Füßen hat. Er hält in seiner Linken
ein hornartiges Geräth, in der Rechten seine
Krone und schaut in seliger Verivnndernng zu
dem Stern hinattf. Sein Mantel blättlich weiß,
dessen Umschlag roth.

Die Thienvelt ist nicht durch Kameele ver-
treten, sondern durch ein roth behaartes Hiind-
lein, welches gleichsam ganz munter sich dalstu-
bewegt. Die Säule, welche das Gemälde in zwei
ungleiche crheile zu zerlegen scheint, ist durch-
sichtig und tvohl wie bei Maria Verkündigung
als Symbol der Reinheit Mariens zu betrachten,
lieber die Bedeutung des Hündchens sind schon
verschiedene lirtheile gefällt tvorden, tvir möchten
dasselbe einfach als Bild jener Tugenden be-
trachten , welche dem Priesterstand eigen sein
sollen. Man muß uemlich wohl im Auge be-
halten, daß im Mittelalter die hl. drei Könige
vielfach als Repräsentanten des Priesterthnms
angesehen worden sind, und daß speziell bei der
mystischeil Auslegung der Ceremvnien der hl.

Messe der Kuß, mit welchem der Priester den
Altar küßt, und die Worte: »Dominus vobis-
cum« unmittelbar nach dem Gloria als die sym-
bolische Handlung für die Anbetung des Christ-
kindes durch die hl. drei Könige gedeutet wurden.

Die Rückseite des Gemäldes bringt das
Mahl des Her ödes zur Unschannng. An
der Tafel sitzen drei Personen: in der Milte
Hervdias mit Krone, rechts von ihr Hervdes,
ebenfalls mit Krone und links eine weibliche
Figur mit einem mittelalterlichen Kopfschmitck.
Eine attdere weibliche Gestalt wieder mit der
Krone, steht vor dem Tische und stellt eben die
Schüssel mit dem bleichen Haupte des hl. Johannes
auf denselbett ttieder. (Salome. > Weiter seitwärts
in der Richtung nach der heraldisch linken Seile
zwei junge Männer: einer von ihnen, mit einem
Kranze geschmückt und von einem Schwerte um»
gürtet, trägt ein Trinkgefäß herbei, während der
andere das Geschäft des Einschenkens besorgt.
Bei allen Bildern ist der Gesichtsansdrnck ein
aiisfallend ruhiger. Das Hiiudlein, welches wir
auch auf dieser Seite der Tafel als eigenartiges
Beiwerk attgebracht sehen, dürfte trotz der weißen
Farbe in ähnlicher Weise zit deuten sein wie
das Hündchen mit seiner rothen Farbe. Es ist
Sinnbild der prieslerlichen Tilgenden, welche den
hl. Johannes in ganz hervorragender Weise ge-
schmückt haben.

Das letzte Bild, welches wir zu betrachten
haben nnb welches wir als das iverthvollste be-
zeichnen müssen, hat zu seinem Sujet den Tod
Mariä oder Unserer lieben Frauen End. (vor-
mitio B. M. V., bisweilen auch pausatio.) „Die
Malwerke mit dem Tode der hl. Jungfrau siiid
ttitzählig unb scheiden sich der Hauptsache nach
in die Darstellung, ivie dieselbe im Bette, und
tvie sie außerhalb desselben stirbt." Ztt den
Gemälden der ersteren Art gehört der Tod Ma-
riens zu Gündringeu. (Größe wie bei der Ge-
burt Christi: Höhe 1,28 m, Breite 1,45 m.)

Die Mutter Gottes ruht selig entschlummernd
iii dem Bette. Oben hält Christus die in Ge-
stalt eines Kindes dargcstellte Seele der ent-
schlafenen Jnngfra», sie iu den Himmel aus-
nehmend. (Assumptio B. M. V.) Die Apostel
sind in der Weise um die Sterbende gruppiert,
daß auf der heraldisch rechten Seite 7, auf der
linken Seite 5 Platz gefittiden haben. Der hl.
Johannes reicht Maria die Kerze, Petrus mit
Chorrock und rother Stola bekleidet das Aspergill.
Hinter Petrus schaut Andreas hervor — piissi-
mus apostolorum. Der Jünger mit dem knaben-
haften Gesichte ist Philippus, welcher den Weih-
wasserkessel hält itud mit Bartholomäus zusamme»-
gestellt sein dürfte. In dem Apostel, welcher
mit der Rechten sich die Thränen aus den
Augen wischt und in der Linken ein Buch hak,
möchten tvir Matthäus, in dem anderen, welcher
ztt den Füßen Mariens kniet, Jakobns den
Aelteren vermnthen. Jakobus der Jüngere kniet
ans der anderen (linken) Seite und liest aus
einem Buche: „Assumpta est Maria in coelum, \
gaudent angeli, laudantes beuedicunt dominum."

Hinter ihm steht Simon und tveiter zurück
Judas Thaddäus. Zn Hänpten der Mutter

Gottes erblicken wir St. Pattlns, ivie er den
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