Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 16.1898

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Schleier etwas znrückschlägt, und ganz im Hinter-
gründe Mathias mit einer rolhen, iveis; verbrämteil
Alütze, in tvelchem tvohl der bartlose Maler
portraitirt ist.

Die Köpfe der Apostel sind von ganz indi-
vidnellem Gepräge und voll Geist und Leben,
ihre Haltung ist iviirdevoll, oec Faltenwurf nicht
so knitterig, sondern mehr natürlich, die Farben,
von welchen namentlich rolh und grün reiche
Bertvendnng gefunden, sind ans einen kräftigen
Accord gestimmt. Die ganze Komposition macht
einen feierlichen Eindruck. Weniger spricht uns
die Figur des Simon an, da seine Haltung
etivas Befremdendes hat, auch tvollen uns die
nackten Füße bei Jacobns nicht recht gesallen.

Besondere Ertvähnnng verdienen noch der
Leuchter am Fuße deS Bettgestelles, sotvie die
Farbe des Bettes. Die Bettdecke ist braun —
sie soll früher anders getvesen sein — das Bett-
kissen rolh und weiß. Tie rothe Farbe bezieht
sich ailf die Sitte, bei Beerdigungen von Jung-
sranen kein schlvarzes Bahrtuch, sondern ein
rvlhes anznwende». In einzelnen Gegenden
Oesterreichs ivicd nach Dr. Mone noch seht auf
den Sarg der Jnngfcanen ein weißes Bahrtuch
init scharlachrothem K> enze gelegt.

Wie bei der Anbernng der Weisen, so ist auch
bei dem Tode Mariens die Bemalung der
Rückseite i och erkennbar. Die Tafel gibt
uns hier Johannes auf Patmos zu schauen.
Der heilige, jugendlich aufgefaßte Seher, mit
rolhem Geivande bekleide! und von einem Scheiben-
ninibns umgeben, richtet den Blick aufwärts, in
der Rechten den Federkiel haltend, in der Linken
ein Buch. Vor ihm der Adler und ein weiteres
Buch, hinter ihm ein Hain, in tvelchem man
ein Lamm, einen Hirsch und einen Affen erb ickt,
itnd über ihm Ataria mit dem Jesuskinde, so-
tvie eine Stadt und ein Vöglein je auf einem
Felsen. Den Pinsel hat hier nicht der Meister
geführt, ivir haben es vielmehr mit einem Werk-
stattbild zu thnn, wobei aber immerhin bedauert
tverden muß, daß die Malerei schon sehr ge.
litten hat.

Bezüglich der Provenienz unserer Gemälde
ist nichts Sicheres festgestellt; manche Kenner
wollten sie Zeitblom znschreiben, deiti „edelsten
Maler seiner Zeit" — eine Blume auf dem Ge-
mälde der Gebtirt Christi sollte sein Cmbleiti
sein —; andere bestreiten es entschieden, daß
>vir in Gündringen Zeitbloms haben. In letzterem
Sinne nrtheilt auch der Verfasser des Aufsatzes:
„Die Ulmer Malerschnle am Ansgange des
Mittelalters."*) Derselbe sagt Seite 577 „Zeit-
blom's Schule" tverden zngetheilt 4 treffliche
Tafeln in der schön gelegenen Pfarrkirche zu
Gündringen bei Horb. Dieselben stammen aus
Rohrdorf und stellen in frischer Farbe und liebe-
voller Ausführung (restaurirt) Mariä Verkün-
digung, Christi Geburt, Anbetung der Könige
(auf der Rückseite das Mahl des Herodes) utid
Mariä Tod dar. Ihre ganze Art iveist ans
einen Zusammenhang mit Ulm, für Zeitblom
aber scheint die Behandlung zu breit, zit realistisch:

Z „Histor.-pvl. Blätter", Jahrg. 1885. 95^.

seiner Zeit, ivvhl dem Anfänge des 16. Jahr-
hunderts, gehören die Gemälde an.

Mag indessen die Frage nach der Herkunft
der genannten Gemälde so oder so beantwortet
tverden, dieselben zählen immerhin zu de» besten
Malwerken ans der alldeutschen Zeit, und der
Knr.stsrennd, welcher die Linie Horb-Psorzheim
beführt, sollte es nicht versüilmen, sich in Giind-
ringen einen Kunstgenuß zu verschaffen, nachdem
er in Hochdorf sein Auge an dem herrlichen
Anblicke der Alb getveidel.

Die Reutlinger Glockengießerfamilie iDaer.

Bott Theodor S ch ö n.

Daß während des 17., 18. und 19. Jahr-
hunderts in der alten Reichsstadt Rent-
lingen eine Glockengießerfamilie Knrtz blühte,
ist allgemein bekannt. Allein schon im 15. Jahr-
hnndert hatte die Glvckengießerknnst in R'ent-
lingen 3 Vertreter des Namens Eg er. Schon
am 8. Okt. 1450 ivird Hans Eg er des Glocken-
gießers Ban»,garten in Betzenrielh bei Rent-
lingen erwähnt. (Armenpflege-Archiv in Reut-
lingen.)') Eine Glocke in der Stadtpfarrkirche
in Gmünd hat die Inschrift: „zu unser frvtven
ere lint man mich. Hans eg er von reitlingen
gos mich, lucas. mathens. iohannes. anno
domini 1155" in gothischen Minuskeln. (OA.-
Beschr. Gmünd, S. 190.) 1458 goß Hans Eg er
von Reutlingen die Ulmer Betglocke. (Fischer,
Geschichte von Ulm, Teile 233.) Eine 1837 vom
untern Thor in Reutlingen (1531 hatte man die
Glocken der abgebrochenen Kirchen St. Peter,
St. Leonhard und St. Nicolalls ans die drei
Thore der Stadt gehängt) abgenommene Glocke
trug die Inschrift: Lncas f Marens f

Mathens f Johannes f anno Domini f
milesimv f MCCCC f LIII j Hans j eger f
von f ritlingen j goß f mich f tauft f
Johannes f riethammer. (Gahler, historische
Denkwürdigkeiten der R'eichsstadt Reutlingen I,
S. 410.)

Man sieht, zuerst 1453 goß Hans Eg er
eine Glocke für eine Kirche seiner Vaterstadt.
Dann folgte 1455 ein Auftrag seitens der Reichs-
stadt Gmünd und 1458 seitens der R'eichsstadt
Ulm. Auch die Klöster wurden ans den tüch-
tigen Meiner aufmerksam. Es scheint, Hans
Eg er erhielt einen Auftrag vom Kloster Pful-
lingen. Denn er ist jedenfalls der Glockengießer
zu Reutlingen, dein am 5. November 1470
nach einer Entscheidung des Grafen Eberhard
von Württemberg die Klosterfrauen zu Pfullingen
26 Pfund Heller geben und »m ihre bisherigen
Gebrechen mit ihm ansgesöhnt sein sollten.
(Staatsarchiv.) Auch für Kloster Lorch scheint
er eine Glocke umgegossen zu haben, denn das
rothe Buch des Klosters, Seite 106, enthält
folgenden Eintrag: item ad perpetuam rei

memoriam conscribi conplacuit mihi fratri
Augustino custodi, quomodo campana magna,
qu.e pependerat ab anliquis temporibus diu in
dextra collaterali turre confracta est sub abbate

u Nach Gahler I, 605 Erscheint schon 1444
in Reutlingen Hans Egen, der Glockengießer
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