Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 16.1898

Seite: 39
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fläche des Wassers sich öffnend, in: Mond-
schein empfange. Der Umstand nun, daß
die Muschel, obgleich im Wasser lebend,
doch unberührt vom Wasser durch himm-
lischen Einfluß die Perle erhalten soll,
wurde vielfach aus die unbefleckte Em-
pfängniß Mariä angewendet. Mit einer
solchen Anwendung haben wir es auch
hier zu thnn. Maria hat die Perle Jesus
Christus durch hinrmlischen Einfluß em-
pfangen , sie ist deshalb unbefleckt, frei
von tnütterlicher Makel.

3. „Oberschrist in dem oberen Zedel:

Purgari quamvis purissima gaudet.

In dem schilt wirt geurahlen eine schöne

fensterrahut mit 4 großen crystallinen
fenstergläser, welche in der mitte kreuzweis
mit blep aneinander gefügt. Das fenster
steht aufrecht auf einem tisch, aus der
seiten ist ein Hand, welche mit einem
sauberen tiechlein diese crpsialline scheiben
noch mehr will buzen.

Unterschrift in dein unteren Zedel:

B. Virgini Purificatae."

4)i ariä Reinigung. Nach Conrad
von Würzbitrg „Goldene Schmiede" ist
der Kristall ein Sinnbild der reinen keuschen
Jungfrait Aiaria, aus welcher uns das
Licht geboren, insofern, als er hart nnb
immer kalt ist und doch, an die Sonne
gelegt, eine Kerze anzünden kann. Aiaria,
obwohl die Reinste, freut sich, daß sie ge-
reinigt, für rein erklärt wird.

4. „Oberschrist in dem oberen Zedel:
Sic scandere convenit uni.

In dem schilt wirt gemahlen die sonne
im. vollen mitag, darunter nit weit ein
adler, welcher mit unverruckthen äugen
der Sonne zufliegt, unten etwelche vögel,
schwanen, psanen, welche nur nahrnng
fucbeit.

Unterschrift in dem unteren Zedel:

B. Virgini As8urnptae."

A! ariä Himmels a h r t. Die Vögel
suchen nur Nahrnng, der Adler allein
erhebt sich zur Sonne, fliegt himmelwärts
zu „seiner Heimat". Der Adler ist hier
zum Sinnbild Marias geworden, welche
allein von den Flügeln himmlischer Sehn-
sucht getragen, dem Adler gleich, zum
Himmel steigen darf. Im Hinblick ans
Apok. 12, 14. hat Rubens Aiaria mit

Adlerflügeln gemalt, wie sie mit ihrem
Kinde gen Himmel aufschwebt unD zugleich
der Schlange den Kops zertritt.

5. „Oberschrist in dem oberen Zedel:

Omnia tuta timet.

In dem schilt wirt gemahlen ein tänb-
lein, welches ans einer selsen rizen herans-
^ schaut. Underhalb dem selsen ist ein
rauschendes wasser und andere fachen, die
sich? — item ein storchin in lnft.

Unterschrift in dem unteren Zedel:

B. Virgini ab Angelo Salutatae."

M ariä Verkündigung. Der Erz-
engel Gabriel fand Aiaria in ihrem Ge-
mache. Sie, das unschuldige Täublein,
lebt verborgen und geborgen in der Fel-
senritze. Obwohl in Sicherheit, fürchtet
sie alles. Der Storch, welcher ursprüng-
lich auch gemalt werden sollte (der Satz
ist wieder durchstrichen), versinnbildet hier
die Tugend und Gerechtigkeit Marias.
Derselbe gilt nemlich als Sinnbild des
gerechten Wandels, weil er zur rechten
Zeit im Jahre kommt und geht. „Der
Reiher am Himmel kennet seine Zeit;
die Tnrtel und die Schwalbe und der
Storch halten die Zeit ein ihres Kommens,
aber mein Volk — nicht kennt es das
Recht des Herrn." Jerem. 8, 7.

6. „Aufschrift in dem oberen Zedel:

Numinis obsequio.

In dem schilt wird gemahlen ein Kür-
chenchor, in mitte dess Chors haltet ein
Hand einen schönen großen crystallinen leich-
ter, welcher ringweis hernmb mit 12 oder
mehren brennenden liechter glanzet.

Unterschrift in dem unteren Zedel:

B. Virgini Praesentatae."

Mariä Opferung oder Hingabe an
Gott. Schon in dem „Spiegel", jener
großen Marienklage des 14. Jahrhunderts,
wird Aiaria als lucerna, als Leuchte ge-
priesen :

O Rose rot, o Lilie wiz,

O Blume schön, o Vrouwen Priz,

O liechter Morgensterne,

O sunnenklar Lucerne!

Diese sonnenklare Lucerne, umgeben von
12 Lichtern, welche an die 12 Sterne in
der Geheimen Offenbarung erinnern, läßt
im Tempel ihre Tugenden, ganz beson-
ders ihre opferfreudige Hingabe an Gott
in herrlichem Glanze strahlen.
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