Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 16.1898

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Diese Kreuzigungsgruppe, das kostbarste
Stück der eheaialigen Gräflich Dollgtas'-
schen Glasgemäldesammlung kam anu den
Preis von 29 800 Mark in das Histo-
rische Museum nach Basel.

Die zweite Darstellung der ersten Serie
zeigt einen sogen. Schmerzensmann
oder, wie das Sujet auch genannt wird,
ein Misericordien - oder Erbärmdebild.
Wir sehen hier den Herrn mit ausgebrei-
teten Armen vor dein Kreuze stehend, ctit
dessen Querbalken die Geißelwerkzeuge
hängen. Er trägt die Dornenkrone mtb
in seinem Angesichte erkennen wir den
freiwillig leidenden, vollständig Gott er-
gebenen Heiland, eine Auffassung von
hohem, erhabenem Ernste. Die glasmale-
risch technische Ausführung dieses Bildes,
besonders des Christnskopfes, ist die künst-
lerisch vollendetste von sämmtlichen Dar-
stellungen der Douglas'schen Sannnlung;
uran ist zur Annahme versucht, als habe
Holbein d. I. selbst dieses Bild auf Glas
gemalt, so ausgezeichnet fein ist die Zeich-
nung der Haare, wie überhaupt die ganze
Durchmodellirung der herrlichen Gestalt.
Wie bei den übrigen Bildern ist ailch hier
in die Kontur allein Licht und Schatten
gelegt; es ist die Stnppinselmanier an-
gewendet lind sind die Farben theilweise
uiit der Nadel nachgearbeitet, die Haare
silid mit der Feder radirt, theils gestllpt
lind ganz leicht gewischt. Es ist aber
diese Technik in so ausgezeichnet seiner
Weise gehandhabt, daß dieses Verfahren
geradezu, wie sich uns gegenüber ein Glas-
maler ausgedrückt hat, als raffinirt sein
bezeichnet werden uiufj. Auch dieses Bild
kaur ill's Historische ONnsenln liach Basel
lind zwar gegenüber alldern allgekauften
Sujets um den verhäktilißmäßig kleinen
Preis voll 4600 Mark.

Das Gegenstück von diesenl Bilde ist
eine mater dolorosa, die, ein Schwert
in ihrem Herzen und die Hände kreuz-
weise gefaltet, dasteht, sreiwilligtheilnehmelld
an devl göttlichen Opfer, eilte Änffassullgs-
weise, die so sehr der Würde ltnb Stand-
haftigkeit der hl. Jnllgfrau entspricht. Der
Schmerz, der ihre Seele durchdringt, ist
auch ill ihrenl Angesichte mit ullsagbarer
Erhabenheit lind Größe gegeben. Da die
mater dolorosa speziell voll den Kar-
thäusern und Cisterciensern verehrt wurde,

so liegt es nahe zu vermuthen, daß diese
Gemälde in ein Gotteshaus der genanntell
Orden gestiftet lvorden sind nnb ist nach
Mone (Kat. S. 5) wohl unt Recht nn-
zuilehmen, daß diese beiden Fenster als
Seitenflügel der oben geschilderten Krell-
zigullgsgruppe gedient haben. Das Bild
kam ebenfalls in's Historische Atuseum
liach Basel lind war der Preis desselben
5100 Mark.

(Fortsetzung folgt.)

Lin Altarwerk aus Weingarten.

Von Max Bach in Stuttgart.

Seit Anfang der sechziger Jahre be-
finden sich zll Augsburg vier angebliche
Gemälde Hans Holbein's des Aelteren, lind
zlvar als Altartafeln verwendet all den
Nlittelpfeilern des Domes daselbst. Wolt-
mann hat sie zuerst in den Recensiolien
für bildende Kunst, Jahrgang 64, be-
sprochen lllld in feinem bekannten Buche
„Holbein ilnd seine Zeit", 1. Allst. 1866,
weiter darüber abgehandelt. lieber die
Provellienz der Bilder theilt derselbe
folgendes lnit: „Sie bildeten lirsprünglich
die Seitenbilder eine» Altarschreins in
der Reichsabtei Weingarten in Schwäbelt.
Schon 1715 bei der Moderllisirilng der
Kirche wllrden sie entfernt und gelangten
nach der Säkularisation des Klosters in
den Besitz des österreichischen Feldmarschall-
lielltenants von Wocher in Wien. Bon
dessen Erbell in Bregenz kaufte sie der
Bischof voll Augsburg, Pankratius von
Dinkel, für 6000 Gulden, nm sie zum
Schmucke der neu restaurirten Dolnkirche
zu verwenden. Die Tafeln warell ntehr-
sach zersprungeli, die Jnnellseiten über-
malt, die Außenseitell, wohl uin starker
Beschädiglingen willen, schon seit alter
Zeit dick mit rothlnauner Oelfarbe über-
strichen. Daß sich Bilder darunter be-
sandell, war vollkonlmen in Vergessenheit
gerathell, bis sie Konservator Eigner in
Augsburg, dessen Atelier die Altarflügel
übergeben wvrdell waren, unter ihrer
Hülle wieder entdeckte und den verharzten,
eisenharten Ueberzug ans chemischein Wege
entfernte. — Die Beschädigungen waren
bedeutelld, besonders aus den Außenseiten
lvar all einigen Stellen die Farbe ganz
abgesprungen. Unter diesen Verhältnissen,
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