Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 16.1898

Seite: 62
DOI Heft: 10.11588/diglit.15903.41
DOI Artikel: 10.11588/diglit.15903.43
DOI Seite: 10.11588/diglit.15903#0071
Zitierlink: i
http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/afck1898/0071
Lizenz: Creative Commons - Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen
0.5
1 cm
facsimile
62

Madonua mit den: Kinde mtb die
Heiligen Johannes der Taufer itnd
Margaretha gehören ebenfalls zusaminen
und bildeten ein dreitheiliges Votivfenster,
das von Ol'. Johannes Widmann und
feiner Ehefrau Margaretha Spilmann 1528
gestiftet wurde. Das Mittelfenster zeigt die
heilige Jungfrau von einer großen Aureole
umgeben (©. 61), wie sie auf dein linken
Arme das Kind und in der rechten Hand
ein Szepter hält. Mit einer eigenthümlich
genrehasten Lebhaftigkeit ist das Christus-
kind dargestellt, iitbent es nicht wie tu der
vorigen Darstellung die Rechte segnend
erhebt, sondern von der Mutter hinweg
seinen Kopf rückwärts wendet imb in die
Welt hinausschant. Unten sieht man das
sprechende Wappen der Familie Widntann,
einen weißen nach rechts springenden Wid-
der int gelben Feld und die Legende:
Johannes Widntann, doctor, Margret
Spilmenin. 1528. Der heraldisch rechte
Seitenflügel zeigt den heiligen Johannes
ben Täufer, der ein härenes, gelbes Ge-
wand trägt und in der Linken das Lamm
Gottes auf einem Buche hält, ctnf das er
mit der Rechten hinweist. Unten ist das
Porträt des Stifters, von dem das
Spruchband ausgeht: ora pia pro nobis
viergo (virgo) maria und welcher einen
Rosenkranz in beit Händen hält. - Das
Porträt ist ganz meisterhaft vollendet.
Das heraldisch linke Stück hat die Nainens-
patronin der Stifterin, die heilige Mar-
garetha, zur Darstellung, die in rothen
Mantel und weißes Untergewand gekleidet
ist. Ihr Köpfchen ist von wunderbarer
Zartheit. Die Heilige führt mit der Lin-
ken den Drachen und hält zugleich eine
Palme, in der Rechten hat sie ein Stab-
kreuz. Zu ihren Füßen kniet die Stifterin
sammt ihrer Tochter; erstere, ebenfalls ein
vorzügliches Porträt, hält einen gewaltigen
Rosenkranz in Händen und giebt zugleich
den Ausdruck einer echt frontmen, biederen
deutschen Hausfrau; vor ihr ist im Mit-
telbilde das Spilinannfche Wappen nüt
den Breisacher Stadtfarben (die Spilmann
stamnten von Breifach) angebracht. Ein
Spruchband, das von ihr ausgeht, sagt:
iesum tuum filium monstra nobis pro-
pitium, eilt Vers ans dein „Salve Re-
gina“ mit starker Veränderung des jetzt
üblichen Tertes.

Die drei Scheiben sind von hervorra-
gender Schönheit in der Farbe und es
zeigt sowohl die Zeichnung der Figur als
die der Ornamentik und des Beiwerks
eine Meisterhafte Vollendung. „Dieselben
sind jedenfalls," sagt Mone, „in St. Bla-
sien und für eine dortige Kapelle gemacht
und nicht in Basel, was schon daraus
hervorgeht, daß die Stifterin Margaretha
Spilmann (1528) die Schwester des da-
maligen Abtes von St. Blasien war.
Damals aber hatte Hans Baldnng Grien,
welcher in Basel 1506—1516 für die
dortige Karthanfe gearbeitet hatte, schon
längst Bafel verlassen. Man ist daher
bezüglich der Kartons zu diesen drei Bil-
dern unbedingt auf H a n s H o l b e i n d. I.
hingewiesen." Neumargedorf führt in
„Die Wahrheit", herausgegeben von Kau-
fen 1897, Heft 9, aus: „In St. Blasien
war von 1514 bis 1552 ein Mönch Na-
mens Johann Spilmann von Battma-
ringen, der daselbst 1552 als Abt 'starb.
Eine Schwester von diesem oder eine nahe
Verwandte, Margaretha Spilmann, ivar
an den St. Blasiener Obervogt Dr. Jo-
hann Baptist Widntann (von Basel) ver-
heiratet. Man darf rnithin die von Hans
Holbein zwischen 1520 (?) und 1526 ge-
malte Widmannsche Madonna, die 1528
als Glasgeinälde nach Holbeinschen Kar-
tons hergestellt wurde und jetzt eine der
Perlen der Douglasfchen Glasgemälde-
sammlung bildet, mit dem Aufenthalt
Holbeins beim Abte Spilmann in St. Bla-
sien (1515 oder 1516) in Verbindung
und Znfaminenhang bringen. Das ist ge-
wiß kein gewagter Beweis für die Be-
ziehungen Holbeins zum Kloster und Abte
von St. 'Blasien."

Das Gruppenbild, die Widinannsche
Madonna, wie inan diese drei Stücke
nennen kann, kam ins Kunst gew erbe -
museuin nach Köln mit den Preis von
19 800 Mark.

4. Nach der Schätzung Mones wären
ungefähr 45 gemalte Fenster im Lang-
haufe der Karthäuserkirche zu Klein-Bafel
gestiftet worden und vorhanden gewesen.
Nach dem in Bafel 1529 ins Werk ge-
setzten Bildersturm haben aber, wie schon
oben, gesagt, die Stifter dieser Glasge-
mälde in der Karthanse dieselben aus der
Kirche herausnehmen und in den St. Bla-
loading ...