Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 16.1898

Seite: 63
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fteiter Hof (Kameralantt) intb nach St. Bla-
sien verbringen lassen. Ein großer Theil
wäre nun wohl aus dem. Transport von
der Karthause in den St. Blasiener Hof
und von da nach St. Blasien in: Schwarz-
wald, vielleicht dort selbst auch zu Grunde
gegangen. Außer von den Stiftern, welche
wir bisher genannt haben, sind aber auch
noch von andern Wohlthätern und zwar,
wie es scheint, von ziemlich zahlreichen
Adelsfamilien vom Elsaß, von Basel und
Breisgau, gemalte Fenster gestiftet worden.
Es sind von ihnen noch 14 Stück große
Figurenfenster vorhanden, welche nach
Zeichnungen von Hans Bald u n g
Grien in den Jahren 1512—1517 an-
gefertigt worden sind und welche man in
zwei Klassen eintheilen kann. Es sind vier
Scheiben mit fast lebensgroßen Figuren
(ea. 140 cm Figurengröße), welche zu-
sammen eine Gruppe bilden und die zwei
Schutzpatrone der Karthänser, einen Eccc
homo und eilte mater dolorosa sonne
die zwei größten Heiligen dieses Ordens,
die Heiligen Bruno und Hugo darstellen.
Dann sind es zehn Scheiben, welche die
Namenspatrone der Stifter und ihrer Ehe-
frauen zuin Theil mit den entsprechenden
Familien- oder Besitzwappen zeigen; wir
finden daher je einen männlichen Heiligen
und eine weibliche Heilige. Einzelne Bil-
der, Frauengestalten, sind leider zu Grunde
gegangen. Alle diese 14 Figuren können
wir als zusammengehörig zur vierten Serie
zahlen.

Die Karthänser, wie auch die Cistercien-
ser, nannten sich mit Vorliebe „servi mat-
ris dolorosae“ und hatten als solche auch
den Ecc 6 homo und die mater do-
lorosa als Patrone, daher mir diesen bei-
den Figuren auch in der Sammlung begeg-
net sind. Christus als sog. Ecce homo,
„Christus im Elend", vor der Kreuzigung
und daher ohne die Wnndntale — wohl
zu unterscheiden von dein sog. Schmerzens-
mann — in ganzer Figur dastehend ist
mit dem rothen Mantel angethan und hat
ans dein gesenkten Haupte die breite Dor-
nenkrone und hält in den gebundenen Hän-
den die grüne Marterpalme als Spott-
scepter. Der Ausdruck des Schmerzes und
die Ergebung int Angesichte des Herrn ist
trotz der realistischen Darstellung non er-
habener Auffassung. Die prächtige Scheibe

mit der kräftig gezeichneten Figur, welche
anatomisch sehr detaillirt ausgeführt, kaut
in die Staatssammlung nach K a r lsruhe
um den Preis von 6300 M.

Gleich ausgezeichnet schön ist die
schmerzhafte Muttergottes unter
devt Kreuze, die mater dolorosa, aus-
gesührt,,die in blaues Ober- und violettes
Untergewand gekleidet ist und das Schwert
in der Brust, die Hände gefaltet hält.
Der Faltenwurf in ihrem Gewände und
Kopftuche ist meisterhaft schön behandelt.
Ueberhaupt siitd diese beiden Bilder in tech-
nischer Hinsicht die besten dieser Serie;
die Anatomie, besonders in der Muskü-
latur, ist so utarkig, wahr uttd bestintntt,
daß nur ein Meister ersten Ranges die
Zeichnung zu diesen Gestalten geliefert
haben kann. Das Bild der schmerzhaften
Mutter kam um den hohen Preis voit
12 000 Ac. ebeitfalls in die Staatssamm-
lung nach Karl s r n h e. (Schluß folgt.)

Das neue Al oster von Sehnssenried

(jetzt Anstaltsgebäude).

Von Kaplan B. Rueß in Schussenried.

(Schluß.)

Im Baujahr 1751 war die Arbeit so gefördert
worden, daß bis November das Fundament in Form
eines Riesenwinkelmaßes nordwärts vom Kirchen-
portal in der Richtung gegen den Mangenweiher und
sodann ostwärts dein oberen Thore zu gelegt war.
Gegen zwanzig Maurer hatten mitgeholfen?) Die
feierliche Grundsteinlegung fand aber
erst in: folgende!: Jahre, nenNich den 8. Juni
1752, durch den Abt Magnus statt: An diesem
Tage wurde i>: der Stiftskirche ein solennes Hoch-
amt gehalten. Nach demselben gieng man in
Prozession mit vorangetragenem Kreuz durch das
Hauptportal des Gotteshauses zum Bauplatz.
Änks und rechts bildetei: die Maurer, Steinhauer,
Zimmerleute und ai:dere Arbeiter (zusammen
über 80 Mann), mit Kellen, Hämmern, Aexten
u. s. w. versetzen, Spalier. Der Abt begab sich
mit den: ganzen Konvent auf ein für diese Feier
extra hergerichtetes Podium und nahm hochfeier-
lich die Weihe des Grundsteines und Neubaues
vor. Es wurde eine zinnerne Kapsel mit Reli-
quie!: eingesenkt und mit einer Zinnplatte bedeckt,
auf welcher ein Verzeichnis; sämmtlicher Chorherren
und Brüder eingestochen war. Alles dies wurde
mit den: „ersten Stein" verwahrt. Hierauf sang
man das Tedeuin unter Trompeten- und Pauken-
begleitung, auch Freudensalven wurden aus Ge-
wehren und Böllern abgegeben. Eingelegt wurden
Reliquien von den Heiligen Petrus, Paulus,
Norbert, Anna, Maria Magdalena, Vinzenz, Georg,

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