Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 16.1898

Seite: 77
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beobachtet die ausgedehnteste Anwendung
der Kontraste warmer und kalter Töne
die brillantesten Goldgelbs wechseln mit
feurigem Rubin und üppigem Saftgrün.
Wie der Glasmaler auch mit großen
Flächen von Silberweiß trefflich umzugehen
versteht, zeigen besonders die beiden Kar-
thänser-Heiligen Bruno und Hugo, und
auch St. Lambert, die fast nur allein
ans großen, weißen Antikgläsern herans-
gezeichnet sind und doch noch ganz die
alte Kraft der Modellirung haben. Hier
sollten unsere modernen Glasmaler lernen,
wie man mich bei reicher Anwendung von
Silberweiß (das zugleich die Kirchen hell
ließe!) eine herrliche, harmonische Wir-
kung zu erzielen vermag, ohne, wo immer
ein weißes Glas jur Verwendung kommt,
gleich auch die schmutzige Patina künstlich
anznbringen. In dieser und in anderer
Beziehung können diese Glasgemälde auch
für die heutige Traktirnng dieser Kunst
wichtige Belehrungen geben.

5. Die fünfte Serie der Douglas'schen
Glasgemäldesammlnng enthielt sogenannte
Schweizerscheiben, Wappenscheiben, Prä-
latenscheiben n. s. w. Eine runde Solo-
thurner Stistsscheibe von Thomann Hafner
im Durchmesser von 38 cm — das werth-
vollste Stück dieser Gattung — wurde an
das Museum von Solothurn nur den
Preis von 3750 Mark verkauA Da es
uns zu weit führen würde, ans diese
Scheiben im Einzelnen einzugehen und
Mone dieselben im oben genannten „Diöze-
san-Archiv von Schwaben" eingehend be-
handelt bat, verweisen wir ans seinen
diesbezüglichen interessanten Aufsatz (Ab-
schnitt VI).

Der romanische Kronleuchter in der
Stiftskirche in Somburg.

Im Dome in luftiger Zone,

Den Händen der Menschen entrückt

Schwebt eine gigantische Krone,

Die nie einen Scheitel gedrückt.

Die corona fundatorum, der Kron-
leuchter der Stifter genannt, ftamnit
ans der Zeit des drittelt Abtes des Bene-
diktinerklosters Comburg, nentlich Hertcogs,
der urkundlich von 1108—1138 nach-
weisbar ist und 1141 gestorbeir seilt soll.
Er hat sich also ans der romanischen
Zeit bis ans uns erhalten nlid gehört

;mit feinen gravirten lind getriebelteit Dar-
stellmtgen, mit feinem lleberreichthunt voll
Figürchen, Bluntelt, Arabesken, Thier-
gestnlten zti ben stattlichsten Erzeugnissen
der Goldschntiedekunst jener Zeit. Er hat
zwar „ziemlich steife Statuetten der Apostel
(wie das Alltependiunl) nnb Brustbilder
der Propheten, aber volleltdet schöne Ara-
beskelt volt Rankengewinden nnb Thierelt"
(Lübke).

Er steht alt Größe bent romanischeit
Kronleuchter iit Hild esheim (22 Fuß
Durchmesser, 72 Kerzenträger, 12 größere
und 12 kleinere Thürme) nach, übertrifft
aber ben zit Aachell (13 Fuß Durch-
messer, 48 Lichthalter und gravirte Dar-
stellilngen der 8 Seligkeiten an den Thür-
lnen nnb Sceiteit aus der Geschichte Christi
in durchbrochener Arbeit) und ben kleineren
in Hildesheim mit 36 Lichthaltern;
delilt er hat einen Durchmesser von 5,02 m
(— 16 Fuß), 15,77 m int größten Um-
falig. Er besteht wie die drei genanltten
ronlanischelt Kronleuchter alis einem großeir
Rtetallreifen: Eisen, vergoldetes Kupfer
und Silber. Jllt Bauernkrieg soll er
nach der Ortssage vergraben gewesen sein,
aber unter bent Dekali und späteren Propst
E r a s nt tl s R e u st e t t e r, genamit Stür-
nter, 1570 wieder gefunden nitb mit gold-
bronceneut Oelsarbanstrich nild Rokoko-
gekleckse versehen wordelt sein. Ein Epi-
gramiit auf die so „renovirte" Krolie
lautet:

:>Dongo obducta situ nee non rubi-

gine turpi

Corrosa haec pridem tota corona fuit.
Neustetterus eam jussit renovare de-

canus

Picturaque sacram condecorare de-
in um.«

(— Von großent Schmutz bedeckt nnb
voit häßlichem Rost zerfressen war längst
die ganze Krone, der Dekan Neustetter
ließ sie renoviren und das heilige Hans
mit Malerei schntücken.)

J»t Jahre 1846 machte der Kronleuchter
nach der Pfarrchronik „auch einen Revo-
lutionslärnt", stürzte aut Christabend nach
bent Gottesdienst voll teiltet’ Höhe herab,
da das dünne Sail zerriß, womit er oben
alt der schwereit Kette nothdürftig be-
festigt war. Dieser Sturz diente ihlit
aber gnu Erstehung ans dem Oelfarb-
überzug zu neuem Glanze. Er wurde
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