Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 16.1898

Seite: 78
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itemlid) in mehrere Teile zerschlagen mtö
dabei kam seine Formenschönheit unD sein
Ornamentenreichthum zu Tage, woraus
Professor Herdtle, damals Modelleur
und Zeichnungslehrer in Hall mit Liebe
und Fleiß beit Oelaustrich durch Siedeu
im Kessel erweichte und entfernte, die alte
Kunst in überraschender Pracht und
Mannigfaltigkeit wieder zu Tage förderte
und wieder herstellte. Seit 1851 nimmt
er feinen Platz wieder ein in der Stifts-
kirche zu Comburg über dem Grabe der
Stifter (Graf Heinrich und Burchard von
Comburg und Wignand von Castell bei
Mainz und Abt Hertwig) hinter dem
Chorbogen. Nur Verzierungen von dün-
nem Silberblech an den Medaillons und
Thnrmabsiden wurden ihm genommen
und zu Geld gemacht bei der Säcnlari-
fatiou, über welche ihn sein geringer
Gold- und Silberwerth rettete, während
er den anderen Kirchenschatz außer dem
Antependinm verschwinden sehen mußte
und Spuren von Schrotschüssen wurden
ihm von jungen Leuten beigebracht, welche
nach der llebergabe Combnrgs an Württem-
berg, da die Kirche ein paar Jahre dem
Gebrauch und Gottesdienst verschlossen
war, aus Vögel Jagd machten, welche in
die Thurmlaternen und Rosetten sich ein-
genistet hatten.

Zwei eiserne Reifen, welche den
Kreis tragen, waren mit Kupferblech be-
kleidet, welches mit rothbrauuer Telfarbe
überzogen wurde, da es größtentheils zer-
stört ist, wie auch abgesprungen oder ver-
loren gegangene kleine Theilchen durch die
gleichen Formen in Kupferblech ersetzt
sind, besonders an den untersten und
obersten Blättern.

Der ganze Reisen mit seinen 412 Figuren
wird durch 12 Laternen in Thurmform
in ebensoviele Kreisstücke von 1,02 m
Länge und 48 cm Höhe bis zum Dorn
der Leuchterschale mit je einem 'Medaillon
in der Mitte getheilt und ist in fünf Ab-
teilungen über einander aufgebant. Be-
trachten wir nun eine Abtheilung nach
der andern in ihrer Pracht und Mannig-
faltigkeit !

Die u n t e r ft e B o r t e bilden B ln m en-
blätter von 9 cm Höhe in durchbrochener,
aber nicht getriebener Arbeit, je 12 zwischen
2 Thürmen, also 144 im ganzen; die

Grundform ist sünfblätterig, ciselirt mit
einem solchen Reichthum an Formen und
Phantasien, daß diese Blumen durchweg
von einander verschieden sind; dabei herrscht
eine Feinheit der Linien, eine Natürlichkeit
in denselben, die eine wahrhaft künst-
lerische Hand verrathen.

Die oberste Borte ist ähnlich; es
sind vier-, fünf-, sechsblätterige Blumen,
wieder 144 im ganzen, in Kreisen, ivelche
durch kleine Rosetten mit einander ver-
bunden sind, wobei der Eckzwickel durch
ein kleines Blattwerk ausgefüllt ist. Bei
aller Aehnlichkeit dieser 144 Blumen herrscht
doch wieder eine solche Verschiedenheit,
daß kaum ein Blattwerk dem andern ganz
gleich ist. Darüber ist die Bekrönung:
gleichförmige, sünfblätterige Blumen 12 cm
hoch mit goldenen Kugeln und 48 Leuchtern
aus Dreiblättern (15 cm bis zum Dorn
des Leuchters).

Diese beiden Borten werden von der
mittleren getrennt je durch ein In-
schriften b a n d , welches die beiden
Eisenstangen nach außen verdecken. Diese
Eisenringe sind nach innen, soweit das
Kupferblech nicht abgesprungen ist, tau-
schirt mit Vögeln und Drachen und
Fischen, Figuren halb Bock, halb Fisch, je
zwei zusammenschaueud, Adler, Eidechsen,
Schlangen mit Flügeln, Hunden, Wölfen,
zwei Fischen, mit einander verbunden,
znsammengeroltten Schlangen und ähn-
lichem. Tie Inschrift besteht aus 24
leoninischen Versen (gereimte lateinische
Hexameter) in lateinischen, mit gothischen
vermischten Majuskeln und erklärt die
Bedeutung des Kunstwerks. Sie lautet:
»Lernper nt acl coelos nisus extendat
anhelos,

Hac ope virtutum prospexit it(er) sibi
tutum,

Viribus bas scandens totis Hert-
w igus ad arces,

Istud preclaro qui fecit opus X i c o 1 a o,
Quo patre magnorum sibi premia dante
laboruni

Gaudeat in coelis servi mercede fidelis.
Arte metallorum visus dum pascitur
horum

Querere mens curet, quid opus sibi
tale figuret.

Turribus et muris fundatae non rui-
turis

Mysticat ecclesie structuram circulus
iste,
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