Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 16.1898

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Anfang des 16. Jahrhunderts findet
(Beissel, Fra Giovanni Angelico da Fie-
sole, Freiburg 1895, S. 89; vgl. „Archiv"
1887, Nr. 89); Joseph scheint gar nichts
davon 31t merken, sondern steht in uner-
schütterlicher Ruhe da, in der Hand den
blühenden Zweig, auf welchem sich eine
weiße Taube niedergelassen hat, ganz nach
den genannten apokryphen Evangelien.
Tronrpetenbläser schließen die Freiergrnppe
ab. Frauen, Jungfrauen und Kinder
bilden das Geleite der heiligen Jungfrau.
Zum zweiten Mal hat Fiesole die Ver-
mählung dargestellt auf der Predella eines
Verkündigungsbildes für San Domenico
in Cortona, jetzt in der Tauskapelle fOra-
torio del Gesu) beim Dom daselbst.
Auffallend ist, daß das Malerbuch vom
Berg Athos (übers, von Schäfer, Trier
1855, S. 277) eine Darstellung der Ver-
mählung nicht kennt, sondern nur eine
Schilderung, wie „Joseph die Heiligste
aus dem Allerheiligsten holt", welche so
skizzirt wird: „der Tempel, und in dem-
selben ist der Prophet (?) Zacharias und
betet und hinter ihm sind andere Priester,
welche einander die Heiligste zeigen, und
vor ihnen nimmt sie Joseph mit der Hand,
und andere Menschen sind hinter ihnen."

Ilms Jahr 1500 bestellte die St. Jo-
sephsbruderschaft in Perugia für ihre
Kapelle am Dorne S. Lorenzo bei Pern-
gino, bem Lehrer Raphaels ein Altar-
bild mit der Darstellung der Verlobung
der heiligsten Jungfrau mit dem hl. Joseph.
Das hatte einen besonderen Anlaß. Ans
merkwürdige Weise war Perugia in den
Besitz einer kostbaren Reliquie gekommen,
des Verlobungsringes Mariä. Den hatte
der Ueberlieferung gemäß im 11. Jahr-
hundert ein Juwelenhändler ans Jeru-
salem nach Rom gebracht und dort einem
Bürger aus Chinsi gegeben, Namens Rainer,
welcher für Juditta, die Gemahlin des
Grafen Hugo, Juwelen und Geschmeide
znsammenkausen sollte. Rainer lieferte
aber den Ring nicht mit den andern
Pretiosen an seine Herrin ab, sondern
verbarg ihn volle zehn Jahre. Da starb
plötzlich sein einziger Sohn, erwachte in
der Kirche Santa Mnstiola in Chinsi,
wohin man seinen Leichnam verbracht
hatte, ans einige Augenblicke wieder zum
Leben, offenbarte das Vergehen seines

Vaters, um dessentwillen er ihm durch
den Tod entrissen worden, und übergab
den vom Vater herbeigebrachten heiligen
Ring dem Priester. Dessen Aechtheit be-
zeugten mehrere Wunder und er wurde
jedjährlich zur Verehrung ansgestellt und
dem Volke gezeigt. Aber im Jahr 1477
entwendete ihn ein deutscher Minorite,
Winter aus Mainz, unmittelbar nachdem
er ihn zur Verehrung exponirt hatte. Er
floh damit über den Fluß Chiana, wurde
aber alsbald in dichte Finsternis; eingehüllt;
so kam er nach Perugia, wo er endlich,
da von ihm und der ganzen Stadt die
Finsterniß nicht mehr weichen wollte, seinen
Raub eingestand und den Ring der Stadt
vermachte. Die Bewohner von Chinsi
wollten mit den Waffen ihr Heiligthum
zurückfordern. Da ließ Sirius IV. das
Streitobjekt nach Rom bringen, aber sein
Nachfolger Jnnocenz VIII. gab es 1486
der Stadt Perugia zurück. Diese weihte
dem Ring eine eigene Kapelle (capella
del santo annello) am Dom; es bildete
sich eine Ehrenwache für denselben, die
St. Josephsbruderschaft; Federigo Ros-
cetto fertigte 1517 das heute noch er-
haltene, kunstreiche ciselirte Tabernakel zu
seiner Aufbewahrung und jedjährlich wurde
er unter großer Feierlichkeit öffentlich zur
Schau gestellt^)

Für den Altar dieser Kapelle fertigte
nun Perngino sein großes Gemälde der
Verlobung, welches die Franzosen am Ende
des vorigen Jahrhunderts wegschleppten
und nicht mehr restitnirten; es befindet
sich jetzt in Caen in der Normandie im
Museum. Der hohe Ruf dieses Meister-
werks weckte bei den Franziskanern in
Citta di Castello bei Perugia den Wunsch,
für den Josephsaltar ihrer Kirche eben-
falls ein Verlobungsbild von künstlerischem
Werth zu erhalten und sie betrauten Pern-
ginos Schüler, den damals erst 21jährigen
Raphael mit dem Auftrag, es zu malen.
Wie Perngino selber sich an die herkömm-
liche Darstellnngsweise dieses Gegenstandes
gehalten hatte, so schloß sich Raphael eng
an des Meisters Altarbild in Perugia an,
vielleicht unter Mitbenützung einer zweiten
Darstellung desselben gleichen Inhalts aus

0 Vrgl. Acta Sanctorum Boll. Martii t. III
p. 15—17.
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