Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 16.1898

Seite: 84
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Gemahl einer so heiligen Jungfrau be-
stimmte, und von der Heiligkeit der Hand-
lung, durch welche dieser Bund geschlossen
wird. Sein Antlitz ist so individuell dnrch-
geprägt, daß Hermann Grinun ans die,
freilich grundlose, Vermuthung kam, Ra-
phaels eigener Vater habe bei seiner
Wiederverheirathung dem. Sohne Modell
gestanden. Seine Erscheinung und Ge-
wandung ist schlicht und einfach, den: Stande
entsprechend, dabei aber doch edel und vor-
nehin ; über das grüne Kleid ist sehr malerisch
der weite hellgelbe Mantel geworfen.

Die fünf Frauen, welche der Braut,
die fünf Männer, welche dem Bräntiganl
31111t Geleite dienen, sind keineswegs bloße
Statisten zur Ansfüllnng des Rauines.
Josephs Hintermänner sind die Freier,
deren Stäbe kahl und dürr blieben und
über deren Hoffnungen der Reif gekommen.
Sie geben je nach Alter und Charakter
den nicht angenehmen Gefühlen der Ent-
täuschung, des Mißmuths und der Eifer-
sucht Ausdruck. Da fällt besonders auf
der noch sehr jugendliche Freier neben
Joseph, der seinem Aerger dadurch Luft
macht, daß er den bösen Stab, der nicht
blühen wollte, über dem Knie zerbricht.
Er ist ans Peruginos Komposition herüber-
genommen und drängt sich beinahe unan-
ständig in den Vordergrund. Seine modische
Kleidung, die enganliegenden rothen Hosen
und das griine gestickte Wams mit dem
helmartig geschuppten Barett geben ihm
etwas sehr Weltliches und Stutzerhaftes,
und er spielt neben der wiirdigen Gestalt
Josephs eine ziemlich klägliche Rolle: durch
seine ganze Erscheinung und sein knaben-
haftes Benehnten doknntentirt er selbst,
wie unwürdig er einer solchen Braut ist.
Ganz anders der unmittelbar hinter Jo-
seph stehende Freier in reiferem Mannes-
alter, der voll Ernst, sichtlich einen tiefen
Schinerz in sich niederkämpfend, auf den
Ring und auf den Akt der Verlobung
hinschaut. Im Gegensatz zu ihin wendet
sein Nachbar sein ältliches und grämliches
Antlitz von der Scene weg auf die Seite.
Eine andere Art von Schmerz prägt sich
ab auf dein mädchenhaften Antlitz des
dunkel gekleideten Jünglings daneben, der
vor der Brust seinen Stab zerbricht und
der Bruder einer der Begleiterinnen Ma-
riens sein könnte ; es ist die sanfte elegische

Trauer einer empfindsamen, weiblich weichen
Natur, mit welcher der tiefgründige, ver-
haltene Mannesschmerz auf dem Antlitz
des bloß mehr halb sichtbaren letzten
Freiers kräftig kontrastirt.

Edle Frauen sind es, welche das Gefolge
Mariä bilden und sie bezeugen, jede in
ihrer Art, ihre Theilnahme an dem Vor-
gang und an dem Geschick ihrer Freundin
oder Verwandten. Die bedeutendste Er-
scheinung unter ihnen ist die ganz im
Vordergrund stehende, fast zu hoch ge-
wachsene Jungfrau in hellrosafarbenem
Kleid, mit schwerem grünen Sammet-
mantel, den sie vorn in starken Falten
znsammenrasft, und mit blauem Kops-
schleier. Ihr energisch emporgerichtetes
Antlitz und ihr hochernster Blick verräth
eine starke Seele und einen tiefen Geist
und eine Ahnung, daß das keine gewöhn-
liche Vermählung sei. Diese Frauengestalt
hat ihresgleichen nicht aus Peruginos
Bild; sie ist Raphaels eigenste Schöpfung,
mit der er weit über den Meister hinans-
geht und sich, wie Crowe und Cavalcaselle
hervorheben, Lionardo nähert. Peruginos
Art hat die Gestalt zwischen dieser und
Maria in dunklem Gewand und ganz
hellgelbem Mantel (offenbar damit die
Conturen der Hauptgestalt der heiligen
Jungfrau recht kräftig hervortreten) mit
hellblauem Schleier ums Haupt; ihr regel-
mäßiges, schön geformtes Antlitz mit dem
etwas leeren Blick spricht nichts ans, als
eine ziemlich vage Rührstimmnng. Leb-
hafter ist ihre Nachbarin mit rothem Kopf-
tuch, welche sich vorneigt, um mit ihren neu-
gierigen Blicken einiges von der Trauungs-
zeremonie zu erhaschen. Nach links schlie-
ßen ab eine bejahrtere Matrone, deren
Blick sich in ernstem Sinnen verliert und
eine liebliche Jungfrau in rothem Mantel,
welche träumerisch ans der Scene heraus-
schaut.

Diese dreizehn Personen so verschie-
denen Charakters und Alters, von so ver-
schiedenen, theilweise scharf kontrastirenden
Affekten und Stimmnngen beseelt, con-
centrirt der Meister um den kleinen Mittel-
punkt, um den Fingerreif in Josephs
Hand. Er vereinigt sie zu einem lebenden
Bild, grnppirt sie zwanglos und scheinbar
Zufällig, aber doch mit feiner künstlerischer
Berechnung, theilt jeder seine Rolle zu
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