Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 16.1898

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k lost er zu Ennetach bei Mengen stammen. Das
Ruhe-Christibild in der Zopfnische ist eine gute
Holzarbeit des f Bildhauers F. Vollmer in
Rottenburg 1883. Preis 38 M. Bis zu diesem
Jahre sodann waren die beiden Figuren zu Haupt
und Füßen Jesu nur Bruststücke. Die wurden
mit Gpps zu Kniestücken ergänzt und erhielten
das Grabtuch in die Hände. Auch der untere
Theil des Sarkophags ist uingeändert worden.
Die Nische war bis 1883 unbemalt und unschein-
bar. Die Felsparthie ist Imitation aus — Pappen-
deckel. Die untere Darstellung ist umschlossen
voir einer reichgeschnitzten Barockrahme aus dem
vorigen Jahrhundert. Aus derselben Zeit stammt
der kleine Engel mit dem großen Kelch am Oel-
berg. Der Zwickel mit edlem Frescogemälde
(von Kunstmaler Bauer in Mengen) und
Stuckverzierung ist erneuert worden anläßlich der
Kirchenrestauration Anfangs der achtziger Jahre.
Demptis his demendis ist alles andere alte Arbeit.

Wir betrachten sosort die obere Oelbergs-
gruppe. Die bedeutungsvolle Scene ist uns
bekannt. Das Trauerspiel der Passion hat be-
gonnen. Im Oelgarten betet und bebt in Todes-
angst der zweite Adam. Keiner seiner Lieben
tröstet ihn. Sie schlafen. Betend wird der todes-
malte Heiland überrascht von den Feinden. Zum
Todesbiß huscht aus den: Hintergrund die
Schlange, welche Jesus am Busen genährt hat,
Judas. Hinter ihm und zu seiner Rechten folgen
in bunter Bewaffnung und Kleidung reguläre
und irreguläre Truppen. Der Mond wirft sein
Silberlicht auf Jerusalems Tempel unb unsere
Scene. Judas weist mit dein Finger die feile
und feige Schaar aus das wehrlose Gotteslamm.
Jur nächsten Augenblick schändet der unglückliche
Priester das ehrwürdige Zeichen des Grußes und
verrät den Meister. — Im untern Feld ist der
ergreifende Moment der G r a b le g un g C h r i sti
dargestellt. Müde jener Last des Blutfreitags
will die Erde zur Ruhe gehen. Der kleine, tief-
ernste Leichenzug ist bei der fremden Grablege
angelangt. Sie betten den gottmenschlichen Dulder
zur Ruhe. Er hat die Kelter allein getreten lind
niemand stand ihm bei. Gott wollte ihn in beit
beiden zermalmen. Nun ist's vollbracht. Das
Auge, das iists Herz der Menschen sah, ist ge-
schlossen. Die Hände, welche segnend und Wohl-
haten spendend so oft sich erhoben, liegen kalt
über einander. Tie Hippen, welche die letzten
Kreuzesworte vor kurzem gerufen, sind verstummt.
Das erbarmende Herz steht still. Tie Füße,
welche den Sündern nachgegangen sind, ruhen
leblos. Tie tiefe Wunde klafft unten am auf-
getriebenen Brustkorb. Nebenan liegt die Königs-
krone. So ruht das zu Tode gequälte Gottes-
lamm da in sanft ansteigender Lage, lieber dem
edlen Antlitz, das eingesäumt ist von langwallendem
Haupt- und Barthaar, liegt der Friede. Unver-
wandten Blickes schauen in männlicher, stiller
Trauer oben und unten Nicodemus und Jo-
seph v o n A r i m a t h ä a in langem Gewand und
umgeworfenem Tnch über Kopf beziehungsweise
Hals. Beide, Vertreter von Bildung und Besitz,
einst furchtsam, jetzt durch die Gnade kühn ge-
macht, wollen dem Heimgegangenen Meister den
letzten Liebesdienst erweisen. Im Hintergrund
erblicken wir vor allem die Hauptleidtragende,
Maria, mit etwas ältlichem Gesichtsausdruck,

in maßvoll würdigem Schmerz, den Blick gesenkt
und die Hände in einander gepreßt beim Anblick
des Mannes der Schmerzen, ihres einst so hold-
seligen Kindleins von Bethlehem. Verwittwet
und verwaist will die Magd des Herrn das Beste,
was sie hat, zn Grab geleiten und nochmals an-
schauen. Sie thut es mit Heroismus, aber nicht
ohne das grausamste innere Marthyrium. Ihr
Leid theilt der Lieblingsjünger Johannes, die
weiche, kontemplative Natur; er weiß und fühlt,
wie viel ihm entrissen ist. Zur Linken Maria's
stehen zwei Frauengestalten (darunter Maria
Magdalena mit dein Salbgefäß) in tiefem
Schmerz und inniger Anbetung. Etwas isoliert
steht eine andere treue Anhängerin Jesu. Es
sind neben Maria Magdalena Maria Kleophä und
Salome, die Mutter der Zebedaiden. (Vergl.
Matth. 27, 56 ff. und Joh. 19, 25.) Noch wenige
Augenblicke und sie müssen scheiden und gehen
zurück in das unglückliche Jerusalem. Ist es
nicht, als ob schon über dasselbe hin die Kriegs-
trompeten des Titus und der eherne Schritt
seiner Legionen hallte? — Das ist der Inhalt
dieser stimmungsvollen Andachtsbilder, den zu
erklären leichter ist, als den mancher zweifelhafter
Produkte neuester sogenannter religiöser Kunst.
Unsere Aufgabe aber soll jetzt näherhin sein, Zeit
und Urheber dieses Thonwerkes zu eruiren.
Damit kommen wir zur Form, und zwar wollen
wir hier zunächst auf technischem Wege voran-
gehen. Ein historisch-urkundlicher Exkurs soll
dann die Frage zur Lösung bringen.

Formell und rein technisch betrachtet sind unsere
zwei Werke, die wir nunmehr, weil sichtlich aus
einer Hand, als einheitliches Ganzes betrachten,
deutsche Arbeit und gehören der Blüthezeit
deutscher Bildner ei (1450—1530), näher-
hin d e m letzten Viertel des 15. Jahr-
hunderts an. Zum Beweise dafür diene
folgendes:

1. Wir haben hier eine Arbeit aus gebranntem
Thon, (jedenfalls schon von Anfang an) bemalte
Ter ra ko tt ensig u r e n vor uns. Diese alte
Kunst, welche in Griechenland zu hoher Blüthe
besonders in der hellenistischen Zeit (vergl. die
Terrakotten von Tanagra in Böotien) gelangt
war, kam erst wieder durch die italienische Re-
naissance im 15. und 16. Jahrhundert zu neuem
Aufschwung und hohem Glanz. Plastiker, wie
Donatello (1386—1466), Michelozzo Michelozzi
(1396—1479), Andrea bet Verrocchio (1435 bis
1488), Guido Mazzoni (1450—1518; vergl. seinen
Christusleichnnm bei der Beweinung!) verfertigten
Thonsculpturen. Ganz Hervorragendes, besonders
im reichen, anmuthigen Thonrelief, leisteten Luca
(1400—1482), dessen Nesse Andrea (1435—1525)
und dessen Sohn Giovanni della Robbia (1469
bis 1527). Diese Florentiner Schule arbeitete
aber auch Altäre aus Thon und Gruppenbilder,
also größere Werke. Es stand nicht lange an,
so mußte dieser Kunstzweig bei dem regen Ver-
kehr zwischen Italien und Deutschland mit den
übrigen Errungenschaften der italienischen Re-
naissance hierher verpflanzt werden. Wir wissen,
daß besonders im 16. Jahrhundert in Nürnberg
(A. Hirschvogel H 1560) und Köln dieser Kunst-
betrieb (besonders die Großkeramik) in hohem
Schwünge stand. Bei der Länge der Zeit, der
Sorglosigkeit oder geradezu dein Vandalismus
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