Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 16.1898

Seite: 93
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Organ bes Hottenburger DiöjefaiuPereiiis für christliche Kauft.

berausaeaebeii 11 nb rebigirt von Pfarrer Detzel in ft. Lbristiiia-Raveiisbiirg.

Verlag bes Rotteiibnrger Viözesaii-Rniistvereins,
für benselben: ber vorstaub Pfarrer vetzel in ft. <L!)ris!ina-Navensl'urg.

Erscheint mvuuNich einmal. Halbjährlich für M. 2.05 durch die würtiemberglscheu (M. 1.00
im Stuttgarter Bestellbezirk), M. 2.20 durch die bayerischen und die Reichspostanstalteu,
st- l in Oesterreich, Frcs. 3.40 in der Schweiz zu beziehe». Bestelluugeu iverdeu > UaO
,Sp" L . tU, auch augenommeu Vau allen Buchhaudl>,ugeu sowie gegen EiuseuduM des Betrags direkt tQC/O.
von der Expedition des „Deutschen Bolksblatts" in Stuttgart, Urbansstraße 94, zum
Preise von M. 2.05 halbjährlich.

Raphaels öposalizio.

Von Prof. Dr. Keppler.

(Schluß.)

Unter freiem Himmel, im Duft und
Glanz eines mäßigen Freilichts läßt Ra-
phael die Trantlngszeremonie vor sich
gehen. Künstlerische Gründe bewogen
ihn wie seinen Meister Perugino, dieselbe
nicht ills Innere des Tempels oder in
eine Vorhalle einzuschließen. Aber er wie
Perugino ist sehr darauf bedacht, daß
durch diese Verlegung ins Freie der Vor-
gang nichts an religiöser Weihe einbüße.
Er spielt sich ab ans dem leise ansteigen-
den, mit Steinflieselt gentusterten Tempel-
platz und über ihm erhebt sich majestätisch
ans acht Marntorstusen der Tempelbali.
Raphael hat Peruginos Achteckban mit
den etwas plumpen Kuppelloggien an den
vier Portalseiten zu einem Sechzehneckball
mit ringsum laltsender offener Sänlen-
balle lilld hochansteigender Kuppel weiter-"
gebildet. Seilt Ball wirkt ruhiger und
zugleich reicher, wuchtiger nnb doch zier-
licher ; der massige Körper ist durch ben
köstlichen Arkadenkranz, der sich um seine
untere Hülste schwingt, aufgelöst lind aller
Schwere entlastet. Rechts nnb links schim-
mert durch die Bogenhallen und durch
die offelien Portale in der Mitte der
blaue Himmel, nnb seitlich schmiegen sich
dieser vornehmen Architektur liebliche Land-
schaftsbildchen an mit grünbewaldeten
Hügeln und ili der Ferne verblauenden
Höhenzügen; hie Verbindung zwischen der
Scene vorn nnb diesem Hintergrund ver-
mitteln einzelne zur Staffage dienende
Gestalteli lilid Gruppen voll Menschen,
welche über ben Tempelplatz, die Vor-
halle, die Landschaft hin zerstreut finb.
Dieser Phantasietempel, ein Beweis, wie

Raphaels Genie sich auch in der Welt
der Architektur anskalmte, will nicht etwa
eine Nachbildung der Kubbet es-Sachra,
der Felsenkuppel aus dem Tempelplatz
von Jerusalem sein, aber er hat zum
Vorbild das Tempietto, welches Bramante
1502 im Hof voll St. Pietro in Mon-
torio in Rom erbaute; nach Crowe intb
Cavalcaselle wäre er eine Combination
aus diesenl nnb alis dein Revtlintempel,
der blos in einer Abbildung Bartoli's
erbalten ist, und zwar eine Eombinatioli
von solcher Vollkommenbeit, daß blos
Bramantes eigene Hand sie habe schaffen
können. Keine andere Tempelsornt hätte
das Bild so harmonisch abschließen, hätte
der Eomposition eine so anmnthige und
majestätische Krönung geben können, als
dieser Rundbau mit seiner edlen Gliede-
rung lind seiner Kuppel, die sich so berr-
ticb in die Rundung des Bildes unb ins
Blau des Firmamentes hineinwölbt.

Aber in seiner prachtvollen Silhouette
klingen nicht nur die Linien, Formen und
Farben der künstlerischen Contposition aus,
solidern cullninirk auch, ivie schon ange-
denlek, deren Hanptidee. Der Tempel,
angesichts dessen diese Verlobung geschlossen
lilid vom Hohepriester eingesegnet wird,
soll die religiöse Bedentiiiig lind Heiligkeit
der Ehe 511111 Bewußtsein bringen, soll
speziell auf die Heiligkeit und Weihe die-
ses Ehebulides sonder gleichen Hinweisen,
der ill ganz besonderem Siiille im .Himliiel
selber geschlossell und von Gott selbst ge-
stiftet wurde. Wir dürfen noch weiter
gehen unb sagen: wie der alttestament-
liche Tempel selbst blos Typus der christ-
licheli Kirche ist, so soll auch dieses Ab-
bild des Tempels von Jerusalem ein
Sinlibild des geistigen Gottestempels sein,
welcher durch die Grülidung dieser hei-
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