Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 16.1898

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tigert Familie auf Erden errichtet wurde,
ja .ein Symbol der heiligen Kirche des
Nellen Bundes, deren erster Fundament-
stein in den Boden der Mcmschheit ein-
gesenkt wurde bei der Vermählung jener
Jungfrau, welche die Mutter Gottes wer-
den sollte, mit dem heiligen Joseph, der
zum Nährvater des menschgewordenen
Gottessohnes berufen war.

So ist der Meister feinem erhabenen
Thema ganz gerecht geivorden. Er schil-
dert, wie nach Gottes Rathschluß die hei-
lige Jungfrau Joseph angetraut wurde;
er erzählt diesen Borgang nach den apo-
kryphen Evangelien, welche schon die alte
christliche Kmlst gern befragte, wo der
Text der heiligen eanonischen Evangelien
schweigt oder für den darstellenden Künst-
ler sich allzu knapp lind bündig ansdrückt.
Man kann hier n»l so weniger etwas da-
gegen haben, als die apokryphen Er-
zählungen gerade über diesen Punkt sich
durch Sinnigkeit lind poetischen Dust ans-
zeichnen. Aber Raphael begnügt sich nicht
mit der Schilderung einer gewöhnlichen
Vermählungsscene. Es ist ihm heiliger
Ernst mit seinem Thema. Er verliert
bei feinem Pinselstrich den religiösen
Charakter desselben aus dem Auge; er
bindet sich an einen hoheitsvollen, monu-
mentalen Jdealstil mit Ausschluß alles
Genrehasten, uiiO legt besonders in die
zwei heiligen Gestalten so viel Weihe und
Würde als möglich; er betont so stark er
kann beit heiligen Charakter der Hand-
lung und die ganz außerordentliche, heils-
geschichtliche Bedeutung dieses Ehebundes
und dieser Familie, in deren Schooß
Gottes Sohn zur Welt geboren werden
sollte!

Man wundert sich nicht, daß dieses
Werk seinen Platz unter den ersten Leist-
ungen religiöser Malerei durch die Jahr-
hunderte hin unbestritten behauptet hat.
Aber über Eines wundert man sich: Dieses
Bild hat ein Jüngling von 21 Jahren
gemalt! Raphael Urbinas MD1V, ist groß
zu lesen über dem mittleren Portalbogen.
Es ist das erstemal, daß Raphael es wagt,
ein Werk seiner Hand mit Namen und
Datum zu zeichnen, und er mag es nicht
ohne berechtigtes Selbstgefühl gethan haben.
Mit diesem Bilde machte er eigentlich sein
Meisterstück; es bezeichnet einen Wende-

punkt in seinem Leben, schließt seine erste
Periode, welche man die umbrische nennt,
ab und bildet den Uebergang zur zweiten
slorentinischen Periode. Dieses Bild zeigt
ihn uns in dem wichtigen Moment, wo
er der Schule seines Meisters Perugino
entwachsen, zum erstenmal die Schwingen
seines Genius mächtig und frei entfaltet,
zu einem Höhenflug, in welchem er bald
alle seine Lehrer und Knnstgenossen hinter
sich läßt. Ja, er ist der Schule Peru-
gino's entwachsen und hat nichts mehr
bei ihm zu lernen. Zwar schließt er sich
ganz an eine Composition des Meisters
an, aber indem er sie nachbildet, schasst
er sie mit und macht er ans ihr etwas völlig
Neues, was Perugino nie hätte machen
können. Ohne es zu wollen, deckt er alle
Schwächen und Mängel in des Meisters
Werk aus, dadurch daß er in seinem Werk
sie vermeidet und verbessert. Es ist ge-
fährlich, einen so hochbegabten Schüler zit
haben! Der Schüler hat sich alle Fertig-
keiten, die ganze Technik, den ganzen
großen Stil des Meisters angeeignet, aber
jetzt sängt er an, des Meisters Stil und
Kunstweise zu handhaben mit einer Frei-
heit und Lebenswahrheit, mit einer reli-
giösen Wärme, einem geistigen Schwung
und einer Tiefe des Gefühls, deren der
Meister selbst nie fähig gewesen wäre.

Doch das Bild verrätst uns noch mehr;
nicht blos daß der Schüler den Meister
überflügelte, auch wie er es soweit brachte,
daß er ihn überflügeln konnte. Nicht da-
durch, daß er nach Lehrern und Meistern
so wenig als möglich fragte; nicht dadurch,
daß er dem harten Joch der Schule sich
nicht beugte oder sich so früh als möglich
entzog; er wollte nicht fliegen, ehe er gehen
konnte, er wollte nicht fchon als Lehrling
alles besser wissen und besser machen als
andere; er hat nicht hochmüthig und eigen-
sinnig alle Bahnen der Ueberlieferung ge-
mieden, alte hergebrachte Typen der reli-
giösen Kunst über Bord geworfen; er
wollte nicht in ungesundem Streben nach
Originalität etwas Neues schassen um
jeden Preis. Das ist moderne Art; ans
solche Irrwege lockt ein lächerlicher Genia-
litätsdünkel heutzutage nicht selten begabte
Jünglinge in der Welt der Künste und
Wissenschaften. Raphael ist ein wahres
Genie, darum demüthig und bescheiden;
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