Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 16.1898

Seite: 99
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gewinnen entschieden an geistigem Ausdruck und
seelischer, gemüthsvoller Vertiefung ohne großes
Pathos. Auch sind sie individueller gehalten.
Deutsche Wahrheit mit italienischer Schönheit,
Naturtreue ohne Rohheit, technisch-formale Weiter-
bildung mit geistiger Durchdringung, kurz ein
mehr i d e a l i s i r t e r R e a l i s m u s tritt uns jetzt
entgegen. Diese Züge finden sich meistentheils in
unserem Werk. Wir finden einen gesunden Realis-
mus. Die Behandlung des Christuskörpers bis
aus Rippen und Adern, der weiblichen und männ-
lichen Hände, von Hals, Kinn und Haar, der
Köpfe, die theilweise äußerst charakteristisch sind,
besonders bei den Häschern am Oelberg, die
einzelnen individualisirten Gesichter, die Dar-
stellung der schlafenden Jünger, besonders des
Jakobus: alles ist lebenswahr und Zeichen eines
tüchtigen Naturstudiums. Da stehen kühn und
keck die Häscher. Das sind Leute vom niederen
Volk, wie sie leibten und lebten, genommen wohl
auch aus Passionsdarstellungen, unter den Blech-
hauben „zu allem fähige" Landsknechte. Interes-
sant sind auch die zwei frazenhasten Glatzköpfe
und der ingrimmige Jude mit seiner Pharisäer-
mütze. Ebenso wahr in Ausdruck und Haltung
sind die unteren, besonders weiblichen Gestalten.
Der Realismus zeigt sich auch darin, daß der
Meister es nicht verschmäht, die meisten Figuren
in gut drapirter zeitgemäßer Gewandung vorzu-
sühren. Bei allem Realismus aber sehen wir
nichts Uebertriebenes, Ungesundes, Manirirtes,
was unser Auge beleidigte. Plastische Ruhe liegt
auf dein Ganzen; kein Uebermaß in Bewegung
oder Ausdruck. Der Meister weiß dem einfachen
Material Geist und Leben einzuhauchen. Ge-
müthsrohheit, J>idolenz,Unternehnu>ngsl>ist,Falsch-

heit und Schadenfreude lagert aus den Gesichtern
der nächtlichen Schaar bis hinauf zu der Verbrecher-
phpsiognomie des Judas. Auf den schlafenden
Aposteln (besonders Johannes) liegt nicht Gleich-
gültigkeit, sondern die lähmende, bittere Erfah-
rung der letzten Stunden. Der göttliche Dulder
schaut voll Schmerz und Ergebung nach oben.
Die friedliche Todesruhe des Heilandes im untern
Bild ist ergreifend. Der angstvolle und doch mit
Ergebung gepaarte Schmerz der Frauen, die sich
theilweise enge an einander anschmiegen, rührt
uns. (Ganz hervorragend die äußerste Gestalt
rechts vom Beschauer aus!) Das sind nicht
bloß natürliche, das sind religiöse Bilder, die
Volk und Priester zu inniger Andacht stimmen
können beim heiligen Opfer. Nehmen wir dazu
die schöne, symmetrische Gruppirung, die Konzen-
tration um die Hauptperson, die gute perspek-
tivische Verkürzung der oberen Häschersiguren,
so dürfen wir unser Werk etwa der Mitte jener
zweiten Blüthezeit deutscher Plastik (ausgehendes
1ö., beginnendes 10. Jahrhundert) zutheilen.

4. Der Zeitbestimmung näher führt uns eine
kurze Betrachtung der Bewaffnung, Klei-
dung und Faltenbehandlung.

al Wir haben vor uns bewafinete Lands-
knechte, deren Verfassung als stehender Söldner-
truppen von Kaiser Maximilian l. um 1490 zum
Abschluß kam. Die ungefähr seit 1300 gebräuch-
liche Kopfbedeckung, Hut oder blecherne Becken-
haube findet sich mehrfach aus unserem Bilde.
Mit der größeren Verbreitung der Feuerwaffen
kamen dazu gegen Ende des 15. und Anfang
des 16. Jahrhunderts einfache, vorn geöffnete
oder gesichtsfreie Sturmhauben, geschienter Hals-
berg, Achselstücke, das Oberarmzeug nebst Hand-

Grablegung Christi. Aus gebranntem Thon in der Stadtpfarrkirche zu Mengen.
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