Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 16.1898

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traurige Kollektion minderwerthiger, gänz-
lich unkünstlerischer und knnsthandwerks-
widriger Stücke zu einer förmlichen Aus-
stellung vereinigen lasten! Würden aber
der oder die betreffenden Arbeitgeber mtb
Besteller eine Ahnung von der Technik
der betreffenden zu restaurirenden oder
neuanznfertigenden Arbeiten, als Kelche,
Monstranzen, Religuiarien, Kreuze n. s. >v.
gehabt haben, so wäre vieles vermieden,
vieles bester gemacht worden. Darum ist
es gewiß nicht überstüssig, wenn Jeder,
den es angeht, und das ist in erster
Linie der Geistliche, sich denjenigen
Einblick in die Technik der Metall-
bearbeitung erwirbt, welcher ihn in den
Stand setzt, in allem Wesentlichen aus
eigenen: Urtheit mitbestimmen zu können.
Ilm ihn in diesen Stand zu setzen, sollen
im folgenden die Hauptarten der Metall-
bearbeitung erklärt uixb charakterisirt werden.

Es kommen hier hauptsächlich Zweier-
lei Arten der Metallbearbeitung in
Betracht. Tie eine erfolgt ans Grund
der S ch m e l z b a r k e i t des Atetalls durch
den Guß; die andere auf der Geschmei-
d i g k e i t des Metalls durch H ä m in e r n,
S ch ut ieden, Walzen und Pressen.
Obgleich historisch genommen die letztere
Art der Metallbearbeitung zuerst käme,
so empfiehlt es sich gleichwohl aus einem
praktischen Grunde, die Gn starb eiten
zuerst: zu behandeln. l.

l. Tie Metallverarbeitung aus
den: Wege des Gießens.

Der Gust wird bekanntlich dadurch be-
werkstelligt, daß man das entsprechend
dünnflüssige Metall in eine widerstands-
fähige Fora: gießt, in welcher es erkaltet,
uut dann die Gestalt gu besitzen, welche
dein inneren Hohlraun: der Form ent-
spricht. Kleinere Gußstücke, besonders
wenn es sich um geringiverthiges Aletall
handelt, werden massiv, d. h. so gegossen,
daß das Ganze ein zusammenhängendes,
höhlenloses, dichtes Stück Niet all ist. Bei
größeren und mittleren Werken werden
aber hohle Güsse gemacht, so daß sich
inmitten des Gußwerkes, der Statue n.s. w.
ein mehr oder minder beträchtlicher Hohl-
ranm findet. Dem letzteren korrespondirt
der „Kern" der Gnßform, während die
der Oberfläche des Gußsttickes entsprechende

Umhüllung desselben der „Mantel" heißt.
Der primitivste Hohlguß ist die Glocke —
der Form nach; ähnlich ihr sind alle
größeren Statuen, Säulen uub sonstige
Gußbildwerke innen hohl. Die Gründe
für den Hohlguß liegen sehr nahe: Er-
sparnis; an Material und Gewicht. Natür-
lich kommt dieser Hohlguß in allen mög-
lichen Stärken vor. Es ist eine verhältniß-
mäßig geringe Dicke des Gusses nöthig,
un: dem Kunstwerk eine relative Unzer-
störbarkeit zu sichern, —- je nach dem
Gußmaterial. Große, kolossale Monumente
werden in Theilstücken gegossen und dann
zusammengesetzt. Es ist selbstverständlich
nicht Sache dieser Zeitschrift, das Speziellere
über die verschiedenartige Schmelzbarkeit
der Metalle, über die Erzielung der
nöthigen Dünnflüssigkeit, über Gnßformen
uub Kerne, Modelle und Schablonen,
Schmelzofen uub Tiegel und das Arbeits-
verfahren bei beut Gießen selbst aus-
zuführen. Wer sich hiesür interessirt, kann
das Nähere in den Werken von Ledebur,
Schuberth n. a. über Metallurgie Nach-
lesen, das Historische bei Bnhr, Ge-
schichte der technischen Künste u. a.

Der Guß erzielt Formen von höchster
Dauerhaftigkeit. Aber, da das Metall
durch den Guß spröde wird und Poren
bekommt, so ist es für den Hammer nicht
gu bearbeiten, wird vielmehr durch den-
selben zertrtimmert. Außerdem ist es der
Oxydation sehr zugänglich. Letzteres hat
gerade für den echten Bronceguß den Bor-
theil der Patina-Bildung.

Das Gußverfahren hat z w e i Seiten:
die künstlerische und die fabrik-
mäßige. Ein Zweig der Kunst ist es
dann, wenn es sich um die Herstellung
eines einzigen und einzigartigen Werkes
handelt, also z. B. eines großen Monu-
mentes, eines Denkmals, einer Statue,
eines Grabmals, BrnnnenwerkD, Epi-
taphs n. s. w. In diesem Fall steht das
Gnßwerk selbst über beut Schnitzwerk, das
von Bleisterhand kommt. Es ist ein
Originalwerk wie das unmittelbare Gebilde
des Künstlers, uub das Material des
Metalls fautt der Arbeit des Gusses
sind einzig und allein gu dem Zweck ge-
wählt worden, damit das Kunstwerk eine
längere Dauer habe als ein Werk von
Holz oder Stein. Der Künstler muß mit
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