Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 16.1898

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eigener Hand vorher das Modell schnitzen
oder modellireu, so daß das Modell das
eigentliche ursprüngliche Kunstwerk ist.
Nach diesem wird dann als Negativ die
Form zurechtgerichtet für den Guß, und wenn
dieser vollendet ist, so hat das Modell
seinen Dienst gethan, da es aus-
schließlich ad hoc gefertigt wurde. Das
gegossene Werk eristirt als das eigene
und einzige Original ititb hat das Recht,
als solches, als das Meisterwerk angesehen 51t
werden. Natürlich ist die Herstellung
eines solchen Erzmonumeutes theurer als
die aus jedem anderen Material. Das
Modell kostet so viel als sonst die Original-
herstellung eines Schnitzwerks in der
gleichen Größe, dazu kommt die Form,
das Metall, der Guß, die letzte Bearbei-
tung desselben und die entsprechende Fun-
damentirnng, Umkleidung n. s. w. u. s. w.
Erzmonnmente nehinen deshalb stets den
ersten Platz eilt, es müßte denn sein, daß
z. B. ein Steindenkmal durch besondere
Dualität des Materials, Alabaster oder-
carrarischer Marmor in größeren Dimen-
sionen, sich auszeichnet.

Aber die Gußbehandlung des Metalls
hat eine andere Leite: die Fabrik-
mäßigkeit. Mit den sogenannten be-
ständigen Gußformen kann man ein- und
dasselbe Stück in ungezählter Menge ab-
gießen, so daß man nur Ein Modell braucht
sür hundert gleichartige Güsse. Und
das wird besonders in der Neuzeit ganz
außerordentlich ausgenützt. Es werden z. B.
Hciligenpatuen, Christusfiguren, ja ganze
Kreuzwegstationenbilder, ferner Leuch-
ter, Kruzifixe u. s. w. gegossen und zu
Dutzenden und Hunderten in den Handel
gebracht, wobei in erster Linie die Billig-
keit den Ausschlag gibt. Kleinere Devo-
tionalien, z. B. Weihwasser-Gefäße, Haus-
altärchen, Statuetten, welche aus Metall,
meßiens aus Zinkmischungen gegossen sind,
u. s. w., kommen fast massenhaft in den
Handel. Vom künstlerischen Standpunkt
wird man allerdings solche fabrikmäßige
Herstellung von Figuren u. s. w. nicht em-
pfehlen und gutheißen können, insbesondere,
wenn das Metall selbst noch recht miuder-
werthig ßt. Anderseits aber darf man
auch nicht zu streng sein. Wenn z. B.
ein großes Metallwerk, sagen wir z. B.
der Kolossalsarg eines früheren Fürsten

von Dhnrn und Daris, der in der Regeus-
bnrger Gruft stellt, Dutzende, ja vielleicht
Hunderte von gleich großen Krabben,

! Fialen, Kreuzblumen u. s. w. ausweist,
dann ist es klar, daß es noch kein Ab-
i gehen von der Kunst, bezw. dem Kunsr-
handwerk ist, falls alle diese gleichartigen
Stückchen gegossen und dem ganzen Werke,
das im Uebrigen getrieben ist, einverleibt
: werden. Denn sie sind ja alle zusammen
doch nur sür das Eine Werk gegossen.
Auch das geht an, wenn z. B. die
Füße und Schäfte von Altarleuchtern,
weil ganz gleichförmig, nach derselben
Form gegossen sind, vorausgesetzt, daß
! der Stil darin sich recht schön ans-
prägt und daß der Guß (natürlich aus
einer anständigen Metallmischung) gründ-
lich und verständnißvoll durch den Eise-
j leur nachgearbeitet ist. Aber zum bloßen
! Handwerk ohne Kunst und ohne Ge-
schmack wird es, wenn z. B. ein Metall-
! geschäst mit ein paar Dutzenden von
, kleineren und größeren gekauften Guß-
formen, die nach Belieben, oft in der
stilwidrigsten Weise znsaminengesetzt werden,
alle seine neuen Bestellungen ausführt.
Es wäre nicht schwer, z. B. Leuchter zu
finden, bei welchen etwa für den Fuß
eine romanische, für den Schaft eine
gothische, für Knaus und Krönung eine
Renaissance- oder eine modern-stillose
Gußsorm verwendet wurde. Oder man
könnte mit Leichtigkeit aus der dutzeudsach
wiederholten und abgegossenen Kelchsuß-
Form und ähnlichem auf das „Atelier"
schließen, welchem diese Kelche entstammen.
— Bon einer Nachbearbeitung des Gusses
ist meistens keine Rede; so wie er ans
der Form kam, wird er belassen, roh,
unsauber, unfertig. Hier ist der Metall-
guß zum niedrigen Handwerk geworden.
Wir werden über die Verwendung von

Gußarbeiten zu Kelchen, Ciborieu und

Monstranzen noch bei Gelegenheit uns

! zu äußern haben und beschränken uns

hier aus den Satz: nur daun kann ein
Metallgußwerk, welches in vielen Erem-
plaren hergestellt und in den Handel gebracht
wird, noch einen Anspruch aus die Ehre eines
kunstgewerblichen Erzeugnisses machen, wenn
1. das Original ein wirkliches Meisterwerk
! uitb zwar speziell sür den Metallguß ge-
i arbeitet ist; 2. wenn das Material nicht
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