Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 16.1898

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Ingolstadt verbrennen wollen, wie des
IW. Reuchlins Büchlein geschehen ist etwen."
— Unter beit Manuskripten Dürers tut
Britischen Mnsemn befinden sich, von
Dürers Hand geschrieben, die Titel von
16 Lutherischen Schriften aus den Jahren
1518—20, ft welche Dürer entweder besaß
oder zu leseit wünschte.

Trotzdem dachte der Al eist er keineswegs
an einen Abfall von der katholischen Kirche,
wie dies auch bis 1520 Luthers Absicht
nicht war. Dürer hatte für die theologische
Seite der Neuerung doch zu wenig Ver-
ständniß, mit in Luthers Lehre einen Wider-
spruch gegeit die katholische Kirche 311 fin-
den. Er sah in Luther einzig den Eiferer
für die unstreitig nothwendige Reform
der kirchlichen Verhältnisse.

Wie wenig es Dürer in den Sinn kam,
eine feindliche Stellung gegen die katho-
lische Kirche als solche einznnehmen, zeigt
sein Verhalten während seiner nieder-
ländischen Reise, die er int Somnter
desselben Jahres 1520 antrat. Bei
Gelegenheit seines Aufenthaltes beim
Bischof Ge0rg UI. von Bamberg,
31t dessen Sprenget Nürnberg jetzt noch
gehört, besuchte er mit seiner Frau den
Wallfahrtsort V i e r z e hn h e i l i g e n und
wurde daselbst vont Bischof gastfrei ge-
halteu, wie dies aus den fürstlichen
Kainnterrechnnngen ersichtlich ist.2) Der
Aleister selbst berichtet in feinem Tage-
buch, wie freundlich ihn der Kirchensürst,
dem er einige Kupferstiche verehrt hatte,
anfgenomnten und ihm einen Zollbrief
und drei Empfehlungsschreibeit mitgegeben
habe, die ihm ans seiner Reise von großein
Vortheil waren, ft In seinen Auszeich-
nungen finden sich zweftnal Ausgaben für
ko stb a re „ E e d e r b a n n t p n t e r n 0 ft e r"

(Rosenkränze) ft, wovon er eines einem be-
freundeten Gastwirthe schenken ntußte.
Auch an Spenden für feinen und seiner
Iran Beichtvater ließ er es nicht
fehlen?) Mit frontmer Begeisterung be-

s) Nachlaß S. 380.

ft Leitschuh, Dürers Tagebuch der Reise in
die Niederlande, Leipzig 1884, S. 4; vergleiche
Theol. Quartalschrift 1880, L. 132.

3) Nachlaß S. 104.

4) Ebendaselbst S. 134, Zeile 20; S. 140,
Zeile 19.

5) Ebendaselbst S. 153, Z. 1; 154, Z. 14;
168, 3- 15. (Es Uhu- dies während der Osterzeit.)

schreibt er den großartigen und erbaulichen
Gottesdienst in der Domkirche ll. L. Frau
in Antwerpen („Die Kirch hat viel an-
dächtigen Gottesdienst") ft und den Umgang
daselbst an „unserer lieben Fratten Hint-
melfahrt" und am Fronleichnantsfeste,
„der fast köstlich war" n. s. w.ft —
Dürer hatte also wenigstens bis dahin
ans seiner lutherischen Gesinnung keine
praktischen Folgerungen gezogen.

Während er sich noch in Antwerpen
anshielt, war in Deutschland die Ent-
scheidung über die Neuerung erfolgt.
Bevor noch vont R e i ch st a g e ztt W0 rms
über Lilther die Reichsacht ausgesprochen
worden war, hatten ihnt dessen Freunde, vor
allen der Kurfürst Friedrich voll Sachsen,
bereits eine sichere Unterkunft bereitet,
sprengten aber, um seinen Aufenthaltsort
31t verbergen, das Gerücht atls, er sei von
beit Päpstlichen gefangen genommen und
möglicherweise ermordet worden. Diese
Kunde kam auch 31t Dürer nach Ant-
werpen am „Freitag vor Pfingsten" (17.
Mai 1521). Wir können uns denken,
welche Aufregung ititb Entrüstung den
biederen Mann über diese vermeintlich
verrätherische Mißhandlung seines Glan-
benshelden ergriff. In einer langathmigen
Klage, untermischt mit bitteren Vorwürfen
gegen das „unchristliche Papstthum", das
an allem Unglück schuld sei, macht er
seinen Gefühlen in seinem Tagebnche
Luft?) Nur die Hanptstellen seien hier
angeführt:

„(Die 10 Ritter) führten verrätherlich
den verkauften, frommen, mit dem heiligen
Geiste erleuchteten Mann hinweg, der da
war ein Nachfolger Christi und des wahren
christlichen Glaubens. Und lebt er noch,
oder haben sie ihn gemördet, das ich nicht
weiß, so hat er das gelitten um der chrstt-
lichen Wahrheit willen und um daß (—Weil-
er gestraft hat das tt n ch r i st l i ch e P a p ft*
t h u nt, das da strebet wider Christus'
Freilassung mit seiner großen Beschwerung

der menschlichen Gesetz.Und

sonderlich ist mir noch das Schwerst, daß
uns Gott vielleicht noch nutet: ihrer
falschen, blinden Lehr will lassen

0 Ebendaselbst S. 116, Z. 15.

ft Ebendaselbst S. 168, Z. 7.

3) Ebendaselbst S. 161—165.
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