Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 16.1898

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bleiben, die doch die Menschen die sie
Väter nennen, erdicht'! und aufgesetzt
haben, dadurch uns das göttliche Wort
an vielen Enden fälschlich ausgelegt wird
oder gar nichts fürgehalten (— vor-
getragen, gelehrt wird).Ach Gott

im Himmel, erbarm dich unser! ruf den
Schafen deiner Waide, deren noch ein
Theils in der römischen Kirchen erfunden
werden, wieder zusammen, die durch Be-
schwernng und Geiz der Päpst, durch hei-
ligen falschen Schein zertrennt sind worden.

.O himmlischer Vater, daß du deinen

heiligen Geist wiedernnr gäbest einem andern,
der da dein heilige christliche Kirch allent-
halben wieder versammle, auf daß wir
all rein itnb christlich wieder leben werden,
daß aus nuferen guten Werken ') alle Un-
glänbigen, als Türken, Heiden, Kalaknten,
zu uns selbst begehren und christliches

Glauben annehmen.Aber, Herr,

du willst, ehe bit richtest, wie dein Sohn
Jesus Christus von den Priestern sterben
mußte, — daß es also ergehe deine in
Nachfolger Martino Luther, den
der Papst mit seinem Geld verrätherlich wider
Gott um sein Leben bringt, — den wirst du
erquicken. Und wie du darnach, mein
Herr, verhängt hast, daß Jerusalem darum
zerstört ward, also wirst du auch diesen
eigenen äugeno m m enen G ew a l t

des röinifch en Stuhls zerstören.

Darum sehe ein Jeglicher, der Doktor
Martinas Luthers Bücher lieft, wie sein
Lehr so klar durchsichtig ist, so er das
heilig Evangelium lehrt. Darum fiitb sie
in großen Ehren 51t halten und nit zu
verbrennen, es wäre denn, daß nran seine
Widerpart, die allezeit die Wahrheit wider-
fechten, ins Feuer würf mit allen ihren
Opinionen, die da a u § Mens ch en
Götter machen wollen; ch aber doch
daß man (—wenn man nur) wieder neuer

’) Mit Rücksicht auf beit Inhalt und die Ten-
denz des Ganzen wäre es ein zu großes Wag-
niß, diese Worte als ein katholisches, anti-
lutherisches Glaubensbekenntnis; ansehen zu
wollen. Zum Sinn vergl. Matth. 5, IN.

0 Die Annahme, daß Dürer mit diesen Worten
die katholische Heiligenverehrung verurtheile,
widerspricht sowohl den: Zusammenhangs als dem
thatsäch liehen Verhalten Dürers. Er will viel-
mehr das nach seiner Meinung ungerechtfertigte
Vertrauen aus „Opinionen" menschlicher Autori-
täten treffen (vergl. oben: „die Menschen, die
sie Väter nennen" u. s. w.).

lutherische Bücher druckt hätt."

— Dann kommt ihm die Besorgnis;, wer
wohl im Falle, daß Luther wirklich tobt
ist, sein Werk sortsetzen werde, und er
richtet seine Hoffnung auf E ra s m u s:
„O Erasme Noderadame, wo lvillst bu
bleibell? Hör, du Ritter Christi,') reit
hervor neben den Herrn Ehristnul, beschütz

die Wahrheit,.so werden der Höllen

P orten, der rö nl i s ch e Stuhl, wie
Christus sagt, uit wider dich vermügen
(auftommen) n. s. w." — Mit der An-
wendung von Apokal. VI, 9 —11 auf die
„vom Papst, Pfaffen uub Mönchen Er-
schlagenen und Verdamiilten" schließt er
seinen leidenschaftlichen Erguß.

(Schluß folgt.)

Der Oelberg in der Stadtpfarrkirche
zu Mellgen.

Eine kuilsthistorischeStudie von Er.OttoHafner
in Tübingen.

II.

Mengen liegt wie männiglich bekannt, in Ober-
schwaben. Fragen wir jetzt nach den: Urheber »nse-
res Oelberges, so ist es naturgemäß, sich in der ober-
deutschen, näherhin zunächst o b e r s ch w ä b i s ch e n
S ch u l e umzusehen. Die uns erhaltenen plastischen
Werke vom 15. bis 16. Jahrh. aus jener Schule
nun lassen den Schluß zu, daß hier ein tüchtiges
Völklein in Kunst gemacht hat. Die oberschwäbi-
sche Schule weiß einen etwas beschränkten Natura-
lismus edel zu formen und zu vertiefen. Sie
arbeitet nicht gerade originell, aber verarbeitet
das Gute, wo und wie sie es findet, in selbstän-
diger Weise. Fränkische, niederländische und
tirolische Einflüsse zeigei: sich, während anderer-
seits unsere Schule auch wieder an andere Schulen
(Augsburger, Nürnberger und besonders Tiroler
Schule) viel Brauchbares abgab. Bei dieser
wechselseitigen imb mehrseitig beeinflußten Thätig-
keit ist es besonders ii: der schwäbischen Plastik
recht schwer, bei manchen Bildern eine markante
Scheidung der Meister durchzuführen und für
das eine und andere Werk den Meister zu be-
stimmen. — Um jene Zeit (1450—1520 resp.
1550) waren Stätten für plastische Werke Ulm
(Syrlin d. I.), Memmingen (Dapratzhans)
und R a v e n s b u r g (Schramm und Ruß). Erstere
zwei Schulen blühten bis ums Jahr 1520. In de>:
folgenden Jahren machte sich mit den: Eindringen
der Reformation (Perhorrescirung des Heiligen-
kults, Bilderstürmerei, einseitiger Uebernahme der
italienischen Renaissance) ein eickschiedener Nieder-
gang der Plastik geltend, wenn auch nicht so
generell wie Bode a. a. O. S. 228 sagt. Deren
Stelle nahin das Kunsthandwerk ein, welches sich

0 Anspielung auf die Schrift des Erasums:
Enchiridion militis cliristiani; zugleich ein Wink,
:vie Dürers Kupferstich „Ritter, Tod und Teufel"
auszufassen ist'(Lange und Fuhse).
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