Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 16.1898

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jetzt hoch entwickelte.. Die Ravensburger Bilder-
schule produzirte noch bis um 1550. Hier
wurde nämlich der Neuerung erst 1545 Thür
und Thor geöffnet. Wir könnten den Urheber
unseres Werkes in der Ravensburger Schule
suchen, weniger in der Memminger, wegen
der nicht unbeträchtlichen Entfernung und der
sonst ' nicht bekannten Verbindung. Auf Ulm
würden jedoch mehr Anzeichen Hinweisen. Wir
wissen z. B., daß die Ulmer Schule das
Donauthal herauf gearbeitet hat bis in die Boden-
seegegend (vergl. Probst im „Archiv für christ-
liche Kunst" 1897, S. 10). Es ist bekannt, daß
in Ennetach bei Mengen neben dem Hochaltar
aus der Ulmer Schule (Probst a. a. O. 1893,
S. 9 f., und Beck a. a. O. S. 30 ff. und 37 ff.)
Jörg Syrlin der Jüngere aus Ulm (f um 15-21)
den Levitenstuhl und die Chorstühle 1506—1509
gearbeitet hat. Dieser Meister war ein produktiver
Bildschnitzer, als Bildhauer aber nicht nachweisbar
(vergl. Klemm, Ulmer Münsterblätter, 3. Heft,
S. 74 ff. und Württ. Vierteljahrshefte, 1882,
S. 82). Nach Beck (a. a. O. S. 38) „darf man
vielleicht den Urheber der in der Stadtpsarrkirche
von Mengen — welches Städtchen lange Zeit
mit dem nahen Ennetach kirchlich und politisch
verbunden war — befindlichen alten Skulpturen
in einem der Syrlin suchen". Darunter wird
B e ck jedenfalls die gothische Statue des hl. Blasius,
eine vorzügliche Arbeit, und das spätgothische
Brustbild Mater dolorosa verstehen. Mit unseren
Thonfiguren kann man wohl Syrlin nicht in
Zusammenhang bringen; vielleicht könnte er
etwa Plan und Zeichnung geliefert haben zur
weiteren Ausarbeitung. Wir wissen nichts, daß
er in Thon gearbeitet hätte. Was das kirch-
liche, nicht politische Verhältnis; Mengens zu
Ennetach betrifft, so ist noch im Jahre 1300 die
obere, jetzige Pfarrkirche eine capella B. M. V.,
als solche Eigenthum eines Menger Adels-
geschlechtes. Mengen gehörte in die Pfarrei
Ennetach. Nach 1408 erscheint ein Kaplan in
Mengen, 1434 wird die Kirche erstmals Pfarr-
kirche genannt. Von jetzt an ward Ennetach
der Pfarrei Mengen untergeordnet und blieb es
bis 1810. Das Patronat über die Menger
Kirche hatte das Stift Buchau (vergl. Laub,
Geschichte der fünf Donauftädte, S. 11, Ober-
amtsbeschreibung von Saulgau, S. 163). .Zurück-
kehrend zum etwaigen Urheber unseres Werkes,
können wir wohl sagen, daß Syrlin nicht in Be-
tracht kommen kann, aber ein Einfluß der Ulmer
Schule nicht ausgeschlossen ist.

Führt uns vielleicht ein anderer Weg auf eine
Spur des Meisters? Mengen, eine der ehe-
malige!; fünf Donauftädte, gehörte mit seinen
Schwestern Saulgnu, Waldsee, Riedlingen und
Munderkingen politisch zu den vorder-öster-
reichischen Landen. Graf Albrecht von Habs-
burg hatte schon 1276 ein Recht auf Mengen.
Nach dem habsburgisch-österreichischen Urbar von
1303 ff. ist Mengen der Herrschaft Oesterreich
eigen (Laub a. a. O. S. 34), bis es nebst den
andern Donaustädten durch den Preßburger Frie-
den vom 26. Dezember 1805 an Württemberg
kam. Eine engere Verbindung von Oberschwabem
und Tirol wurde 1396 durch Herzog Leopold
von Oesterreich (Laub a. a. O. S. 42 f.) erreicht.

Es ist also ein Verkehr zwischen Oberschwaben,
Tirol und Niederösterreich möglich gewesen. Neuer-
dings ist nun eine Beeinflussung tiroler und nieder-
österreichischer Künstler durch die schwäbische, be-
sonders die Ulmer Schule nachgewiesen worden
(vgl. Probst a. a. O. 1893, S. 37 ff. und 1897,
S. 10 ff. und S. 40 f.; B o d e a. a. O. S. 200 f.).
Andererseits wirkte der kraftvolle Meister der
Tiroler plastischen Schule, welche ihrerseits italie-
nische, paduanische Einflüsse aufnahm, Michael
Pacher (f 1498), auf Oberschwaben ein (vgl.
Probst a. a. O. 1893, S. 57). Dieser monu-
mentale Plastiker von Bruneck huldigt einem durch
geschmackvollen Schönheitssinn gemäßigten Natura-
lismus. Die Gesichter sind fleischlich oval; Doppel-
kinn; die Augen mit zum Theil etwas iveit herunter-
hängenden Augenlidern find etivas leblos ge-
halten (vgl. z. B. die Figuren am Hochaltar zu
St. Wolfgang bei Bode a. a. O. zu S. 196).
Die Köpfe unserer Frauengestalten haben aller-
dings nicht ganz unähnliche Merkmale. Eine Be-
einflussung unseres Meisters von dieser Tiroler-
Seite wäre immerhin nicht von der Hand zu
weifen.

Wir stehen demnach, wie es scheint, vor einem
Vexirbild mit der Unterschrift: Wo und wer ist der
Meister? Offenbar möchte es in der Frage nach
dein Urheber des Werkes bei einem non liquet
fein Bewenden haben. Allein wir schauen, ob
wir keine Urkunden oder sonstige Denkmale haben,
die uns gewünschten Aufschluß über den Meister
geben. Hier nun mögen die vorhandenen Qu e ll eit
red eit.

1. An der äußeren Ostecke des südlichen Sei-
tenschiffes ist ein rechteckiger Stein eingelaffen,
welcher in gothischen Buchstaben die Inschrift
trägt: In dem stain da lug itx . so fündstu darin,
met mtd min . dieß kapell haet g e in a ch etkonrat
bet im 1479. jar. — Wir bemerken vorerst über
diesen Konrad Beck: In dem Kloster Neuburg bei
Wien befindet sich ein Kodex Nr. 747, ivelcher
unter anderem die Familienchronik der Beck vo>t
Leopoldsdorf enthält. Diese Chronik ist edirt
worden voit Zeibig int 8. Band des „Archivs
österr. Geschichtsquellen". K. Beck machte chroino-
logische Aufzeichitungen atts seinem und seiner
Familie Leben. Als Sohn des 1478 f Hans
Beck wurde er in Mengen geboren am 16. Ok-
tober 1437, war reich, hatte Siitn für Wissen-
schaft und Reisen, machte große Reisen und Wall-
fahrten z. B. nach Jerusalem, Rom, die Picardie
(Frankreich). 1469 verheirathete er sich mit Mar-
garetha Murerin non Sulzen (Saulgau). Sein
Sohn, Markus, der in Tübingen Jus studirt
hatte, ließ sich 1510 in Wien nieder, trat in den
österr. Staatsdienst, bekleidete angesehene Aemter
tiitd wurde mit dem Prädikat Herr von Leopolds-
dorf 1523 in den Ritterstand erhoben. Sein
Vater Konrad Beck, H 22. Juli 1512, wurde in
der Oelbergskapelle zu Mengen begraben.

(Fortsetzung folgt.)

Autlheiluugen.

Herrn B. in N. lieber den Glasmaler Lud-
tv i g Millermaier s. „Archiv" 1889 Nr. 3,
wo auch die meisten seiner Arbeiten aufgeführt
find.

Stuttgart, Buchdrucker?! der Akt.-Ges. „Deutsches Bulksblatt".
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