Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 16.1898

Seite: 112
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hat. Angesichts solcher Ausdrücke könnte
man an der oben behaupteten nurrmen
Liebe Dürers zur katholischen Kirche starke
Zweifel hegen. Wir dürfen jedoch nicht
unterlassen, den ganzen Charakter des
Meisters zn berücksichtigen. Dankü be-
merkt darüber (Theol. Ouartalschr. 1888
S. 254): „Der mit einer ausnehmenden
Weichheit imb Innigkeit begabte Mann
ist von dem reinsten Feuer der mächtigsten
Empfindungen durchglüht, voll Wahrheit
und Treue, dabei mitunter ausbransend
nnd leidenschaftlich. So sehr man bei
Diirers Aeußerungen, eben weil sie ans
den: Munde eines Dürer kommen, sich
zur sorgfältigen Prüfung ihres inneren
Gehaltes ansgefordert siihlen wird, so
wird rnan doch heftigere Ergüsse ans der
Fülle seiner inneren Welt kritisch abwägen
nnd mit dein Gesanuntcharakter des Künst-
lers vergleichen. Jndeß, wie Idee mtb
That oft weit von einander getrennt sind,
so war Dürer weit entfernt, die Kon-
sequenzen seiner Ennneiationen 51t ziehen.
Dadurch wird das Widersprechende in
Dürers Charakter erklärt, der so iveich
uiid doch so ernst, so reizbar und doch so
ruhig, so ehrgeizig nnd doch so gleichgiltig
ist." Bedenken wir, daß entstellte Gerüchte
die Ursache seines so leidenschaftlichen Aus-
bruches waren, so werden wir seinen
Worten keine 511 weitgehende Bedeutung
beimessen dtirfen.

Bezeichnend für Diirers kirchliche Stel-
lung ist immerhin der Umstand, daß ge-
rade das Angnstinerkloster in Antwerpen,
mit dein er in so intimem Verkehre stand,
der Mittelpunkt der reformatorischen Be-
lvegung in den Niederlandeil war,') und
daß die 'niederländischen Inquisitoren nnb
der päpstliche Nuntius Aleander ihre
Dhätigkeit ganz besonders gegen den dor-
tigen Prior Jakob Propst, genanilt von
Ppern, dessen Porträt Dürer gefertigt intb
ihm als Geschenk hinterlassen hatte, rich-
teten. *) * 2) Ebenso wurde auch Eornelins
Grapheus, der Sekretär des Rathes von >
Antwerpen, mit welchem Dürer trauten
Uiilgang gepflogen, den er ebenfalls por- 1

*) Bergt. Th. Kolde, die deutsche Augustiner- !
tongregation, 1879.

2) Ausführliches hierüber siehe Nepert. für
Kunstwifsensch. 1897, Heft 6: P. Kalkoff, Zur !
L'ebensgeschichte Albr. Dürers.

trätirt nnd ans dessen Hand er noch im
, Juni 152! Luthers „Babylonische Ge-
fängnis;" erhalten hatte,2) schon im Herbste
desselbeii Jahres wegen reformatorischer
Umtriebe verhaftet. Kalkosf ivill sogar
die plötzliche Abreise Dürers voll Ant-
werpen auf die Furcht zurückführen, in
dieJnqnisitionsprozesse verstrickt zn werden.

Int Juli 1521 kehrte Dürer über Köln
wieder in seine Vaterstadt zurück und
j konnte sich nun über die letzten Ereignisse
: genügende Aufklärung verschaffen. Daß
ihm jetzt angesichts der Wirren, welche die
Neformatioll hervorgernfen, „die Angen
! ausgegangen seien", ist eine wenigstens
für die nächste Zeit durch keinen Anhalts-
punkt gestützte Behauptung. Er müßte
seine Gesinllnngsänderung so geheim ge-
halten haben, daß nicht einmal seine
nächsten Freunde etwas davon bemerkten.
Denn im November desselben Jahres
widmete Earlstadt ihn; als „seinem
geliebten Gönner" seine Schrift „Bon
Anbetung nnd Ehrerbietung der Zeichen
des Neuen Testaments". Wenn Thansing
daraus in Zusammenhang nüt der folgendeil
Aeilßernng Dürers beit Schluß zieht, daß
dieser damals sogar mit der extremsten
: Richtung der Neformationspartei einver-
| standen gewesen sei, so weist Zucker mit
; Recht darauf hin, daß der Wittenberger
! Bildersturm erst an das Ende des folgenden
' Jahres fällt, und daß Earlstadt bis dahin
immer an der Seite Luthers gestanden
; und als dessen Gesinnungsgenosse und
! Mitstreiter gegolten hat.

Aus dem Jahre 1523 stainmt nun
! eine auf den ersten Blick eigenthüntliche
! Beinerknng, die Dürer auf den Rand
| eines Holzschnittes, der gewöhnlich M.
Ostendorfer zugeschrieben wird und einen
Bittgang zllr Wallfahrtskirche der „s ch ö-
n e n 9R ar i a" i n N egen s b n r g dar-
stellt, geschrieben fiat:3)

„1523. Dies (4 e s p e n st hat sich
wider die heilig Geschrift erhebstzu Regens-
bnrg nnd ist vom Bischof verhängt wor-

v) Nachlaß 3. 381. Die Aechtheit der Hand-
schrift ivird von allen, welche das Original ge-
sehen haben, auf das Bestimmteste bezeugt.

2) Nachlaß S. 153 ,Z. 7.

3) Ebendaselbst S. 173 Z. 23.
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