Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 16.1898

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uns nicht wunder nehmen, wenn der lei-
denschaftliche Mann seinen plötzlich her-
vorbrechenden Unmuth in dieser scharfen,
in breiten Ztigen geschriebenen Ansschrist
zilnr Ausdrucke bringt. Offenbar war er
über die Vorgänge in Regensbnrg gut
unterrichtet. Eine gegen die Marienver-
ehrnng überhaupt gerichtete Spitze kann
seinen Worten unter keinen Uinstanden
beigelegt werden. Im Gegenteil bekundet
damit der Meister, daß die kirchlichen
Wirren seine innige Liebe zur Mutter des
Herrn nicht erkalten ließen, uitb daß jede,
Maria von irgend welcher Seite zngesügte
Schn lach sein Innerstes empörte.

Von dieser Zeit an werdell leider
Dürers Selbstzengnisse über seine kon-
fessionelle Stellung inlmer seltener. Von
Bedeutung ist nur ein Antwortschreiben
des Künstlers (5. Dez. 1524) an den
englischen Hofastronomen N i k o l a u s
Kratzer,') der ihn samnlt alleil „Evall-
gelischen" ill dlürnberg zur Geduld und
Ausdauer ermahnt hatte. Nach einigen
Mittheilnngen geschäftlichen Inhalts fährt
Dürer fort:

„Item, des christlichen Glaubells halben
nlüssen wir in Schmach und Fahr •—
stehn, denn man schmäht uns, heißt uns
Ketzer. Aber Gott verleih uns seine
Gnad uub stärk uns iit seinem Wort,
denn wir lilüssen Gott »lehr gehersaul
fein denn dem Menschell. So ist es
besser, Leib nub Gut verloren, denn daß
voll Gott unser Leib uub Seel in das
höllisch Feuer versenkt würd. Dorlliil mach
lllls Gott beständig int Glltell inid er-
leucht unfere Widerpart, die armen, elen-
beit, blinden Leut, auf daß sie nit ill
ihrelil Jrrsal verderben. . . . Voll neuen
Märn ist ill dieser Zeit nit gut zu schrei-
beli, aber es fiitb viel böser Anschläg
vorhalldell. Es lvird nlleiil der Wille
Gottes geschehen.

Euer Weisheit
Albrecht Dürer."

Ein Brief aus bent Jahre 1523 an
den Kurfürst A l b r e ch t v o ll B r n n d e ll-
burg nlit der benoten Adresse: „Dem

hochwürdigsteil Fürstell uub Herrn, Herrn
Albrechten, des heiligen Stuhls zu Rolil
Priester, Cardilial, Erzbischof voll Mainz

’) Nachlaß S. 71 f.

k.“ kann dieses Zengniß für Dürers
evangelische Gesinnung liicht eiltkräften.
Die Adresse enthält nichts als die offizielle
Titulatur des Kirchenfürsten.

Was aus dieser Zeit sonst noch als
Beweis für die „antirömische" Gesinnllng
Dürers vorgebracht wird, ist voll geringerer
Bedeutung, wie z. B. fein Gruß au
Zwingli und anderseits der Gruß des
Baseler Reformatoren Capito an den
Dreister. Jhllen stehen gegenüber die
Grüße des Eraslnus (21. Nov. 1523;
9. April und 28. Alig. 1525), der schon
danlals iil eine Helle Feindschaft mit
Luther geralhen war, uub nicht weniger das
Frenlldschaftsverhältniß mit Hieronynlus
Holzschnhcr, Jakob Muffel uub andereil
hervorragenden Katholiken. — Dürer hat
iil jener Zeit die angesehelisten MänUer
aller Parteirichtnngen porträtirt. Aber
nur wer alles dilrch die Brille engherzig-
ster Voreingenolnmenheit beschallt, kann
bei der hingebenden Sorgfalt, lvelche der
Künstler allem, was er iil die Hand llahiil,
allgedeihell ließ, einen durch die Partei -
stellnllg des Auftraggebers bestiillinten Un-
terschied entdecken.

In ein nelles Stadinnl trat die Re-
soriilationsbewegllng in Nürnberg ft im
Jahre 1525. Bis dahin hatte der Rath,
obwohl die Mehrzahl seiner Mitglieder
persönlich der Neuernllg zngethan lvaren,
keine entscheidenden Schritte gethan. 1522
ließ er lioch das Frollleichnalnsfest feier-
lich begehen uub verbot, ivährend der
Reichstag tu der Stadt abgehalten wurde,
den Predigern alifs strengste, irgend eine
Streitfrage auf der Kanzel zu berühren.
Aber wie wenig ernst es ihm mit diesen
Vorkehrungen war, zeigt der Umstand,
daß schon nach Neujahr 1523 ein päpst-
licher Legat vor bent Reichstage Klage
erheben nlnßte, daß der Rath entlaufene
Ordensleute schütze und daß vier Prediger
iil der Stadt offen Luthers Lehre ver-
kündigen. So konnte die Reformations-
partei, bereu radikalsten Vertreter die beiden
Schatzmeister der Stadt, Hieronymus
Ebner uub Kaspar R ü tz e l uub der
RathZchreiber Lazarlls Spengler lvaren,
ungestört ihre Ziele verfolgen. (Forts, folgt.)

Vgl. zmn Folgenden Kirchenlex. 2. A. IX. Bd.
0. 569| ff.
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