Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 16.1898

Seite: 118
DOI Heft: 10.11588/diglit.15903.72
DOI Artikel: 10.11588/diglit.15903.76
DOI Seite: 10.11588/diglit.15903#0129
Zitierlink: i
http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/afck1898/0129
Lizenz: Creative Commons - Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen
0.5
1 cm
facsimile
118

wurden nicht gehalten. Trotz der Versicherung, „in
Religionssachen keinen Gewissenszwang zu üben",
ward den 600 zugeströmten Katholiken nur ein
„exercitium religionis mere privatum" gestattet
oder tolerirt. Sie mußten den Gottesdienst bald
da, bald dort, zuerst in einem Saal des Schlosses,
dann im Orangeriehaus im Sonimer, „als die
Pomeranzen im Freien waren", dann ambulatorie
in Privathausern feiern, die Kinder protestantisch
taufen lassen, konnten die Ehe nicht einsegnen,
die Toten nicht kirchlich begraben, nicht einmal
mit der Leiche gehen, nicht öffentlich beten; Kranke
und Malefikanten durften nur mit Erlaubnis;
des protestantischen Pfarramts besucht werden.
Beim Versehen eines kranken Soldaten ohne Er-
laubniß wurde ein Verweis ertheilt; für feierliche
Abhaltung einer katholischen Beerdigung später
eine Strafe von 10 fl. und für eine vollzogene
Taufe eine solche von 14 fl. 1730 angesetzt.

Da batite Frisoni eine katholische Kirche in
der Schorndorfer Straße als sein „Lust- oder
Gartenhaus" mit vier daranhängenden Kapellen.
Am 18. September 1724 ivurde der Grmldsteiu
von den hiesigen katholischen Geistlichen und beit
Kapuzinern von Weil der Stadt gelegt, wobei
von drei katholischen Frauen, Frisoni, Retti lind
Mattei, drei Hammerschläge vollzogen wurden.
Voit dem italienischen Priester Joh. Jac. Eioja
de Malesco, Probst zli Fino bei Como, lvlirde
sie ein geweiht. 1726 wurde von dem Herzog
ad interim gestattet, im Frisonischen Gartenhaus
den Gottesdienst zli halten, ebenso am 4. Juni
1826, solange der Baumeister Retti mit 600 Ar-
beitern einen Aceord zu vollführen hatte. Da-
gegen wurde 1720, als Frisoni sein „Garten-
haus" erweitern wollte, dasselbe nicht ge-
währt, ivie auf die Anzeige, die Katholiken seien
bei einer Beerdigung auf die Kniee niedergefallen,
haben — — den Rosenkranz, Ave Maria uild
(4laubeil mit lauter Stimme gebetet, geantwortet
ivurde: „ivir würden nicht allein die schleunigste
Zerstörung dieser Actuum thun und die Haupt-
persoilen sogleich in eareerem bringen zu lassen,
ilicht ermangelt haben, wenn wir die Anzeige in
instantia erhalten hätten". Als Frisoni unter
dem Nachfolger Eberhards, linter dem katholischen
Herzog Earl Alexander (1733—1737) starb
lernt 30. Nov. 1735), war erlaubt worden, die
Leiche in der Stille in Oeffingen zu begraben.
Da bat Retti, es möge gestattet werden, daß
man bei Abführen der Leiche dieses so verdienten
Mannes eine kleine Viertelstunde lang die Glocke
in der Stadtkirche läute, tvas aber nicht gestattet,
sondern „rotunde abgeschlagen" Ivurde, wie auch
eigene Kirchenbücher, eigenes Lehrbuch, Voran-
tragen eines Kreuzes bei Beerdigungen in jener
Zeit verboten war. Ja selbst bei der Beerdigung
dieses katholischen Herzogs Carl Alexander er-
schwerte der protestantische A d m i n i st r a t o r
Earl Rudolph (für den erst 9jährigen Sohn
Carl! die katholischen Ceremonien und that Ein-
sprache gegen die katholische Erziehung der Kinder.
Diese Kirche oder das Gartenhaus des Frisoni
sollte unter dem katholischen Herzog Carl
(1744—1793), der mit 16 Jahren für volljährig
erklärt wurde und selbst kein Geläute beim Gottes-
dienst anwenden durfte, geschlossen und nur der
Gottesdienst in der Hofkapelle des Herzogs besucht

werden; aber auf Drängen des französischen
Gesandten Marquis de la Noue mit Repressiv-
maßregeln von Seite seiner Regierung gegen
protestantische Kirchen blieb sie geöffnet bis zum
Erbvergleich 1770, wo sie am 11. Januar ge-
schlosfeit werden mußte. 1772 mußte auch das
Allerheiligste aus ihr entfernt werden trotz des
energischen Widerstandes des Hofkaplans Schreper.
1800 wurde diese katholische Kirche, das „Garten-
haus Frisonis", wegen Baufälligkeit abgetragen
und der Platz von der katholischen Gemeinde
verkauft. 2. Carloni und sein Altarbild.
Neben Baudirektor Frisoni war am herzoglichen
Hofe thätig der Hofmaler C a r l o Carloni,
ebenfalls ein Italiener. Von ihm stammt das
große Altarbild in der Schloßkirche, auf
Leinwand gemalt, ebenso Oelgemälde in der
Heilig-Blutkirche in Weingarten i Keppler, Württ.
kirchl. Kunstalterthümer. S. 273). Dieses "Altar-
bild war viele Jahre unkenntlich, so dick lag Staub
und Schmutz auf demselben; kaum ein paar Figuren
konnte man unterscheiden. Selbst eine frühere
„Renovation" hat den Inhalt der Darstellung
nicht erkennen lassen. Sagt doch ein Eintrag in
die Pfarrchrouik: „Im September 1861 wurde
das Altarbild über dem Hochaltar aus Kosten der
Finanzkammer restaurirt. Man weiß aber doch
nicht, was es eigentlich vorstellen soll." In die-
sem Sommer feierte nun die D a r stel lu n g des
heiligen Abendmahles von Carloni seine
Auferstehung aus dem Schmutzüberzug und zwar
in schöner Farbenpracht. Die Komposition ist
zwar etwas eigenthümlich, der Tisch mit Christus
und den Aposteln läuft feiner Länge nach quer-
über das Bild. Christus in der Mitte am vor-
deren Rand reicht eben die verwandelte Brods-
gestalt einem Apostel, dessen rechte Schulter ent-
blößt ist. Der hl. Johannes an der Hinterseite
des Tisches sieht andächtig zu, während ihm ein
Apostel (wohl Petrus) an der linken Ecke des
Tisches den Kelch zuschiebt oder denselben von sich
weist mit Rücksicht auf die Speise, welche er jetzt
erhalten soll, und ein anderer Apostel mit gefal-
teten Händen vor dem Antlitz andächtig betet,
den Rücken dem Zuschauer zukehrend. Auf der
andern Seite des Tisches rückwärts von Christus
knieen zwei Apostel, einer ganz im Schatten, die
andern sind sitzend am Tische dargestellt, ebenfalls
stark im Schatten, lieber dieser Kommunion er-
scheinen fast ganz nackte Engel mit Gesten der
Verwunderung über den Vorgang, während unter-
halb der Abendmahlsdarstellung ein Diener mit
entblößtem Nacken und Rücken in knieender Stel-
lung Wein in ein Glas eingießt, und von einer
weitern Person, die nur als Halbfigur in die
Fläche hereinschaut, auf die heilige Handlung
mit dem Finger der ausgestreckten rechten Hand
hingewiesen wird. Ist auch die Behandlung des
Gegenstandes eine eigenthumliche, entsprechend
der Kunstrichtung am Anfang des 18. Jahrhun-
derts, nicht einheitliche, etwas indecente (nackte
Körpertheile), mit forcirten Körperjtellungen, so
bilden doch einzelne Apostel schöne und wahre
Charakterköpfe und bietet das Ganze in seinem
guterhaltenen Farbenschmelz — das Bild wurde
nur gereinigt und mit Lack wieder versehen —
eine Zierde des Gotteshauses.

Von dem gleichen Künstler stammt auch das
loading ...