Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 17.1899

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Hausen 1616—1654)" erbaut wurde?)
In diesem alten Chore, der int Anklang
noch an die Gothik im Achteck geschlossen
ist, dessen Fenster aber den Stichbogen
mit Rundfenstern darüber zeigen, blieben
auch der Hochaltar tutb die Chorstühle
unerneuert. Ersterer wurde, was die
Schreinerarbeit betrisst, den 7. Ntärz 1631
an Schreinermeister Jakob Hornung
uoit Cngstetten verdingt. Die Bildhauer-
arbeit fertigte der Meister Zacharias
B i n der, Bildhauer von Ehingen a. D. Die
Abrechnung und wohl auch die Fertigstel-
ilng derselben fand den 20. Juli 1640 statt?)
Während nach Bnsl über den heute noch
stehenden Hochaltar die Akten reichlich Auf-
schluß geben, ist über das herrliche Chor-
gestühl gar nichts in denselben 51t finden.
Es wurde bisher als der Spätrenaissance
der zweiten Hälfte des l 7. Jahrhunderts
angehörig betrachtet und wird darauf hin-
gewiefen, daß nanrentlich die Füllungen
der Felder in ihren Volutengiebeln und
den Winkelzügen des Rahmenwerks recht
barockeVestandtheile Vorkommen, daß „aber
andererseits der Figurenschmuck von Hei-
ligeil in Flachreliefs eilte gewisse Ver-
wandtschaft mit bent berühmten Renaissance-
gestühl des Cistercienserklosters Wettingen
an der Limmat von 1604 habe" (Pfeiffer).
Das Chorgestühl in Weiffenau
trägt nun aber die Jahreszahl
1 635. An dem südlichen Gestühle hat
nämlich das letzte der die Felder einrahmen-
deii Säulchen, bent Hochaltar zu, in der
Mitte auf einenrFruchtornament die Jahres-
zahl 1635 und verschlungen rechts die
Buchstaben V. M., links N. B. und darun-
ter eineii Fisch oder Wurms?); es werden
das unzweifelhaft Ae Namen des Schreiners
ititb Bildhauers sein, die das Gestühl ver-
fertigteii. Da sich hierüber, wie gesagt,
bisher keine Akten, Rechnungen u. dgl.
gefuitden habeil, könnte man aus die Ver-
muthuilg kommen, es köiniten die Meister
dieser Arbeiten auch Insassen des Klosters,
Laieiibrüder des Ordens, geweseit sein.
Wenit man die Ornamentik des Chor-
gestühls mit der des Hochaltars vergleicht,
so fiiidet mail allerdings manche Motive,

’) Vgl. Busl, Neues zur Baugeschichte der
Prämonstratenser-Abtei Weisseuau und ihrer Kirche.
„Archiv" 1894 S. 32 ff.

") Vgl. Busl i. c. 35.

die aus eine entwerfende HaudMnweifen
können, die Bilder des Hochaltars jedoch
zeigen unzweideutig einen anheim Meister
als die des Chorgestühles.

Wie unsere Abbildung des südlichen
Chorgestühles sowie des Abtstuhles, die
wir eigens an Ort und Stelle auf-
nehmen ließen, zeigt, ist die Architektur
einfach, aber schön gegliedert, die Verhält-
nisse der einzelnen Theile unter einander
sind fein abgewogen und ist daher die
Gesammtwirkung eine vorzügliche. Die
Rückwand ist in einzelne Felder abgetheilt,
welche Bilder eines Heiligen in Flach-
reliefs enthalten und je von zwei Säulen
flankirt werden. Sie stehen auf 28 Kon-
solen, die immer wieder ein anderes
Ornament haben und mit korinthischen
Kapitalen gekrönt sind, während zudem
noch ihr Schaft mit ebenso außerordentlich
verschiedenem Ornament versehen sind.
Auf den Säulen zieht sich der glatte Archi-
trav in gebrochenen Linien hin, während
der Theil, den wir an den griechischen
Tempeln den Fries nennen, mit Engels-
köpfchen und Ornamenten dekorirt ist. Ein
ziemlich weit ausladendes und reich prosi-
lirtes Kranzgesimse schließt diese Rückwand
nach oben kräftig ab. Das über dem
Kranzgesimse hinlaufende, flott und schwung-
haft gezeichnete und vorzüglich geschnitzte
Laubornament ist eine Zuthat, die mir als
aus früherer Zeit denn das jetzige Chor-
gestühl stammend erscheint, denn die Mo-
tive zeigen noch die Frührenaissance mit
gothischen Anklängen. Erst nach seiner
Renovation, nach seiner theilweisen Ver-
goldung und Polpchromirung tritt die
ganze Schönheit dieses herrlichen Orna-
ments hervor, das mit Recht, wenn auch
stilistisch nicht ganz harmonirend, wieder
über dem Chorgestühl belassen mnrbe. Die
Stühle des Abtes und Priors sind von
einer höheren Rückwand überragt und sind
ihre Felder mit ein Paar gewundenen und
reich mit Reben, Vögeln und Engelsköpf-
chen versehenen Säulen umgeben. Unter
verschachteltem Rahmenmerk enthalten sie
je eine Mnfchelnifche mit Statuette. Die
Verbindung des Abt- und Priorgestühles
mit dem übrigen Chorgestühle geschieht
je durch zwei hermenartige Stützen, welche
in die Ecken gegen den Sitz desjkAbtes,
resp. Priors, eingeschoben sind.
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