Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 17.1899

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Messung" über religiöse Bilder schreibt:
„Unangesehen, daß itzt bei uns ititb in
unseren Zeiten die Ktinst der Malerei
durch Etliche sehr verachtet und gesagt
will werden, die diene zu Abgötterei.
Denn ein jeglich Ehristenmensch wird durch
Genial oder Bildnis; also wenig zu einem
Afterglanben gezogen, als ein frommer
Alaun zu einem Mord, darum daß er
ein Waffen an seiner Seiten trügt. Müßt
wahrlich ein unverständig Mensch sein,
der Gemüt, Holz oder Stein anbeten
wöllt! Darum Gemüt mehr Besserung
denn Aergerniß bringt, so das wenn
es) ehrbarlich, künstlich (kunstvoll) nnb
n'vhl gemacht ist".')

In: Jahre 1526 schuf Dürer sein letztes
und berühmtestes Kunstwerk, durch das er
sich den größten Meisten! aller Zeiten
ebenbürtig erwiesen hat, eine Doppeltafel
mit den Bildern der Apostel Johannes,
Petrus, Paulus und des Evangelisten
Markus I) welche er dein Rathe seiner
Vaterstadt in dankbarer Gesinnung zun:
Geschenke gemacht hat. Ans der linken
Tafel steht vorn der Apostel Johannes,
in einen rothen, gelb gefütterten Mantel
eingehüllt, und blickt sinnend in das halb
geöffnete Buch herab, das er in den Hün-
ben hült und das den Anfang seines
Evangeliums „Im Anfang war das Wort
u. s. w." erkennen läßt. Dicht neben ihm
verlieft sich Petrus, ein müder Greis,
ebenfalls in die heiligen Worte. Aus der
rechten Tafel ist im Vordergründe der
Heidenapostel dargestellt, mit einem langen,
faltigen Mantel von weißer Farbe an-
gethan. In der Linken das geschlossene
Buch haltend, mit der Rechten kräftig
das Schwert umfassend, wirft er dem Be-
schauer einen furchtbar drohenden Blick
entgegen. Links von ih>n, etwas weiter
im Hintergründe, ist sein zeitweiliger Be-
gleiter, der Evangelist Markus, sichtbar
„blaß und bebend vor krampfhafter Auf-
regung, als suchte er begierig den Gegner,
als-schaute er aus nach des Meisters künf-
tiger Thal"?) Unter den Bildern ist fol-
gende Inschrift angebracht:

') Nachlaß S. 181.

2i Eine sehr gute Abbildung bietet „Das Mu-
seum" (v. Wilh. Spemann) l. Bd. Doppelblatt
12-13.

3) Thausing, A. D., 11. Bd. S. 280.

„Alle weltliche Regenten in diesen sähr-
lichen Zeiten nehmen billig in acht, daß
sie nit für das göttlich Wort menschliche
Verführung annehmen. Daraus horent
(höret) diese trefflich vier Müilner: Petrum,
Johannen!, Paulum und Marknm, ihre
Warnung."

Es folgen nun die Stellen II. Petr. 2,
1—3; I. Job. 4, 1—4; II. Tim. 3, 1
bis 7; Mark. 12, 38—40 nach der
L u t h e ri s ch e n U e b e r s e tz n n g (Sep-
temberbibel). *)

Vor allen! ist es nothwendig, den Sinn
und die Tendenz dieser Inschriften fest-
zustellen?) Es ist kein Zweifel, daß damit
der Meister, der sein Ende nahen fühlte,
in liebevoller Sorge um das Schicksal
seiner Vaterstadt an die leitenden Behör-
den eine letzte Warnung richten und ihnen
zugleich goldene, der Hl. Schrift ent-
nommene Regeln an die Hand geben wollte,
wie sie die Geister unterscheiden und alle
verderblichen Einflüsse von! Gemeinwesen
abhalten sollen. So werden wir mit gutem
Grunde in diesen Inschriften das abge-
klärteste und damit bedeutsaulste Urtheil
des Künstlers über die damalige Zeitlage
erkennen dürfen.

Für Zucker steht es von vornherein fest,
daß sünuntliche vier Sprüche nur gegen
das Papstthuin gemünzt sein können. Andere
wollen wenigstens darin eine Polemik „theils
gegen das Papstthum, theils gegen die
Wiedertäufer" erkennen; v. Epe sieht darin
„nur eine allgemeine Warnung und Mah-

') S. Nachlaß S. 382 f.

-) Kaufmann, Weber u. a. haben, wohl um
den aus den Unterschriften sich ergebenden Kon-
sequenzen zu entgeheil, die Aechtheit derselben be-
zweifelt. Richtig ist, daß sie nicht Dürer selbst,
sondern der Schreibmeister Joh. Neudörfser
gefertigt hat. Derselbe berichtet nämlich in sei-
nen „Nachrichten von Künstlern und Werkleuten
in Nürnberg" (herausgeg. v. G. W. Lochner,
Wien 1875 S. 158): „Dieser Engelhart (von dem
er im Vorhergehenden geredet) ist nicht allein in
Wappensteinschneiden lind Farben, sondern auch
in Siegelschneiden fürtrefflich, daß A. Dürer hier
i il seiner Stuben, als ich ihm die vor-
g e m e l d t e >l v i e r B i l d e r b e i F ü ß e n s ch r i e b
uild etliche Spruch der Hl. Schrift be-
zeichn et e, saget, er hätte u. s. w." — Wenn
Neudörfser diese Jnschrifteil also in der Stube nnb
in Gegenwart des Meisters ausführte, so muß er
dies doch in seinem Aufträge gethau habeil.
Auch heute noch pflegen sich geniale Meister mit
derartigen mechanischen Arbeiten nicht selbst ab-
! zugeben.
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