Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 17.1899

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mmg, am Rechten zu halten." — Schon
ans der Bestimmung der Inschriften ist
zu schließen, daß der Meister speziell Nürn-
bergische Verhältnisse i»l Auge hat. Aber
nicht die Parteien an sich, glaube ich,
sondern die Menschen, ihr Betragen unb
ihre inneren Motive trifft der Tadel des
lebenserfahrenen Meisters. Die erste Stelle
richtet sich gegen diejenigen, welche aus
der allgemeinen Verwirrung für ihre egoisti-
schen Interessen Kapital zu schlagen such-
ten. Die zweite enthält eine allgemeine
Mahnung, nicht allen, die sich als Pro-
pheten und Gottgesandte ausgeben, zu
glauben, sondern den Inhalt ihrer Lehren
511 prüfen. Mag ferner schon vor der Re-
formation Habsucht und Sittenlosigkeit in
allen Ständen der Christenheit in hohem
Grade geherrscht haben, so wird doch nie-
mand bestreiten können, daß die Auf-
lösung aller Bande der Autorität und
Ordnung durch die radikalen Neuerer die
verderblichste Wirkung auf die Sittlichkeit
des Volkes ausgeübt hat, welches die
„evangelische Freiheit" nur im Nächst-
liegenden Sinne verstehen konnte. Klagt
doch Luther selbst schon im Jahre 1532:
„Alsbald, da unser Evangelium anging
und sich hören ließ, folgte der greuliche
Aufruhr, es erhoben sich in der Kirche
Spaltung und Sekten, es ward Ehrbar-
keit, Disziplin und Zucht zerrüttet und
jedermann wollte vogelsrei sein unb thun,
was ihm gelüstet nach allem seinem. Muth-
willen und Gefallen, als wären alle Ge-
setze, Rechte und Ordnung gar aufgehoben,
wie es denn leider allzu: wahr ist.
Denn der Muthwille in allen Ständen,
mit allerlei Lastern, Sünden und Schan-
den ist jetzt viel größer d en n z uv 0r,
da die Leute, und sonderlich der Pöbel,
doch etlichermassen in Furcht und im Zaum
gehalten wurden, welches nun wie ein
Zaumlos Pferd lebt und thnt alles, ums
es nur gelüstet ohne allen Scheu." ft Welche
Früchte die gewaltsame kirchliche Umwäl-
zung gerade in Nürnberg hervorgebracht
hat, haben nur oben schon ausgeführt.
So wird kein Zweifel mehr darüber sein,
was Dürer in der dritten Stelle unter
den Greueln, welche „in den letzten

ft Auslegung des 2. Ps. — Walch. V. Bd.
S. 114, bei Döllinger a. a. O. I. S. 298.

Zeiten" eintreten werden, verstandeil
haben will. Was die vierte Stelle betrisst
so gab und gibt es zwar 51t allen Zeiten
Pharisäer der verschiedensten Art, aber
es wird wohl kaum zu leugnen sein, daß
Dürer dabei die vielfach nur von niederer
Selbstsucht geleiteten Gegner der Refor-
matioit im Auge hatte.

Man führt zum Beiveis für die anti-
katholische Tendenz dieser Inschriften die
Thatsache all, daß der katholische Kurfürst
Maximiliail I. voll Bayern im Jahre 1627,
als die Bilder in seinen Besitz übergingen,
all dem Inhalt der Sprüche Anstoß nahrn
unb sie deswegen voll den Tafeln ent-
fernen ließ. Damit hat es näherhiu fol-
gende Bewandtniß.ft Im Jahre 1627 bat
Maximilian, beut die Tafeln ausnehmend
gefielen, die Nürnberger dringend um
Ueberlassung derselben. Da diese aber das
kostbare Gut ungern weggaben, anderseits
aber beut Fürsten die Bitte nicht abschlageil
kollllten, ließeil sie dilrch I. G. Fischer
genaue Kopien anfertigen, ohne die llnter-
schristen, und schickten dieselben mit ben
Originalen nach München. Die Abgesandten
stellten dem Kursürsteil vor, lvie defekt die
letzteren bereits seien; seine kurfürstliche
©naben werdeu daher sicherlich die schönen
Kopien, „die ilicht weit voiil Originale
streichen", vorziehen; auch seien — fügten
sie in schlauer Berechnung hinzu —• dem
Originale aus der Heiligeli Schrift „solche
Sprüche voiil Widerchrist, von Menschen-
satzungen und Hoffarth beigegeben, daß
die Jesuiten zil München ohlie Zweifel
die Zurücksendung derselben anrathen wer-
den." Diese in erilstefteiu Tolle vorge-
tragene Versicherung machte die frommen
Münchener stutzig. Aber der Kurfürst,
der weder das Dürer'sche Kunstwerk ails
! der Halld lassen, noch sich irgendwie eines
favor haeresis schuldig machen wollte,
wußte Rath. Er ließ die unbequemen In-
schriften voll den Originalen wegschneiden
unb an die Kopien ansetzen unb diese
schleunigst wieder nach Nürnberg znrück-
senden, wo sie sich jetzt im germanischen
Museum befinden. — Einen Diplomaten-
kniff der Nürnberger Abgeordneten aber * 2

ft Vgl. I. Baader, Beiträge zur Kunstge-
schichte Nürnbergs, Nördlingen 1860 2. 13 ff.
und 2. Reihe 1862 2. 72; bei Thausinq II.

2. 283 f.
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