Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 17.1899

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uns nicht versagen können, diese Stelle
wörtlich anzuführen.

„Weit gewaltiger, geradezu dämonisch
ergreifend, ist aber das Bild in Kolmar.
Die Landschaft ist wie in Tauberbischofs-
heim auf wenige Linien rednzirt. Die
Verzweiflung des Leidenden hat hier ihren
Höhepunkt erreicht unb sie äußert sich bei
den im öd eil Raum weit von einander
stehenden Figuren mit erschreckender Deut-
lichkeit und in wohlberechneten Kontrasten.
Alan meint, daß der hängende Christus
noch int Tode seine Arme nach allen Sei-
teu um Hilfe ausstrecken wolle. Vor ihm
kniet Magdalena jammernd, händeringend,
als ob sie sich gegen das Schicksal anf-
lehnen tvollte, scheint aber im nächsten
Momente zusatnntensinken 51t müssen. Ihre
Gestalt von der Seite, noit oben rechts
gesehen, ist ein Bravourstück der Verkür-
zung, und ihr Schmerz ällßert sich nicht
blos in der leicht verständlichen Gebärden-
sprache, sondern man fühlt in alten Haar-
wellen und den Liniett der Gewandung
die krampfhafte Bewegung des Körpers
nach. Hinter ihr steht in einem weißen
Mantel, der in steifen Konturen sich vom
dunkeln Grund abhebt, Maria, starr ntit
ausgestreckten Arnten, die Augen geschlossen;
sie ist ohnmächtig und will umsinken, wäh-
rend Johannes, selbst von Schmerz zer-
rissen, sie aufrecht hält. Dieser Grttppe,
die sich ztt äußerst links befindet, entspricht
auf der rechten Johannes der Täufer;
breit und fest anf dem Boden stehend,
weist er nach Christus als dein Erlöser,
in Gebärde nnb Haltung der Ausdruck
unerschütterlicher Ueberzeugung. Zwischen
ihm und bent Kruzifix, das etwas rechts
von der Bildmitte steht, ein Lamm als
Symbol des Erlösertodes."

Die andere Abhandlung, auf welche ich
aufinerksain machen möchte, steht in der
„Zeitschrift für christl. Kunst" Jahrg. 1897.
Der Verfasser Franz Rieffel beschreibt zu-
nächst einen Bildercyklus, die sieben Schiner-
zen Mariä darstellend, in der Dresdener
Galerie, sie werden dort dem Hans Schenf-
felen zugeschrieben, was bis jetzt keine all-
gemeine Anerkennung fand und wohl kauin
haltbar ist. Rieffel möchte die Bilder da-
gegen für Jugendarbeiten Grünewald's ans-
geben, ob er damit einen guten Griff ge-
than hat, ntüssen wir dahingestellt lassen,

da uns Photographien davon nicht zur
Verfügung stehen.

Roch in einer anderen Bilderserie in
der Darmstädter Sammlung, welche seit-
her als Schnlbilder Schonganers galten,
findet Rieffel Analogien zu Grünewald,
jedoch kann ich nach den angegebenen
Proben mich nicht entschließen, an ein
Schulverhältniß zwischen Grünewald zu
glauben; die gegebene Chronologie der
Bilder ist höchst problematisch, die stilisti-
schen Merkmale weisen eher auf eine spä-
tere Zeit als Riesfel annirmnt. Mit mehr
Wahrscheinlichkeit darf man die Straß-
burger Schule als die Heimath dieser
Darntstüdter Bilder beanspruchen. Unter
den dortigen Knnstgelehrten besteht ja
gegenwärtig ein wahrer Wetteifer, die
unter französischer Herrschaft ganz ver-
nachlässigten Knnstschätze dieser Stadt und
besonders auch die Illustratoren des alten
berühmten Straßburger Verlags ans Licht
zu ziehen. Ich verweise in dieser Rich-
tung auf die trefflichen Publikationen,
welche unter dem Titel „Studien zur
deutschen Kunstgeschichte" im Verlag von
Ed. Heitz in Straßburg seit einigen Jahren
erscheinen.

Ein Werk Grünewalds, welches wir
bis jetzt noch nicht erwähnt haben, be-
findet sich im historischen Mnfenin zu
Frankfurt. Es sind das zwei Tafeln
aus der dortigen Dominikalterkirche, dar-
stellend die heiligen Laurentius und Cy-
riakus. Die Bilder sind grau in grau
gemalt und werden schon von Sandrart
erwähnt. Eine treffliche Photographie,
welche der erwähnten Zeitschrift beigegeben
ist, läßt die stilistischen Eigenthüinlich-
keiten dieser Bilder genau verfolgen. Zu-
nächst fällt die Geziertheit der Stellung
in die Augen und die lebhaft bewegte,
mit den alten Traditionen vollständig
brechende Drapirnng der Gewänder. Der
hl. Cyriakus heilt mit seiner Stola ein
besessenes Mädchen, der hl. Laurentius
sieht mit feelenvollem Blick ins Weite,
durch die ganze Gestalt geht ein einheit-
licher Zug und die Haltung der Hände
ist hier mit Buch und Rost besonders gut
motivirt. Die mit reicher Haarfülle ver-
sehenen Köpfe sind sehr fleißig gemalt;
die Bücher so natnrwnhr, daß man sie
umblättern zu können glaubt.
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