Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 17.1899

Seite: 20
DOI Heft: 10.11588/diglit.15904.12
DOI Artikel: 10.11588/diglit.15904.15
DOI Artikel: 10.11588/diglit.15904.16
DOI Seite: 10.11588/diglit.15904#0026
Zitierlink: i
http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/afck1899/0026
Lizenz: Creative Commons - Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen
0.5
1 cm
facsimile
wortgetreu mitgetheilt. Das Resultat der Ur-
kundenforschungen, sowohl in Ulm als in Sterzing,
wird (S. 30s so zusammengefaßt: 1. daß Hans
Multscher, Bildhauer 1427 steuerfrei als Bürger
in Ulm ausgenommen wurde; daß er dort 2. bis
1467, d. h. bis zu seinem Tod thätig war; 3.
daß er den Sterzinger Altar geliefert und 4.
daß er ein steinplastisches Werk in Ulm mit seinem
Namen bezeichnet hat. Die in Sterzing noch
vorhandenen, aber in verschiedenen Oertlichkeiten
ausbewahrten Theile des Altars, Statuen und
Gemälde, werden sodann der Reihe nach (Prädella,
Statuen des 'Illtarschreines, Malereien der Flügel)
ausgeführt und die Bedeutung derselben für die
Kunstgeschichte gewürdigt. Die Gemälde der
Flügel, die in brutaler Weise übermalt waren
iS. 40), wurden auf seine Befürwortung in dem
Atelier von H a u s e r der sorgfältigsten Restau-
ration unterzogen, so daß sie jetzt, nach sorg-
fältiger Abnahme der Uebermalung, wieder in
der ursprünglichen Gestalt erscheinen. In diesem
Zustand wurden dieselben sodann photographirt.

Die künstlerische Beurtheilung der einzelnen
Malereien und Statuen ist bei den jeweiligen
einzelnen Gegenständen aufgesührt und motivirt,
woraus wir verweisen müssen. Wir heben jedoch
eine Stelle (S. 61) heraus, in welcher das Ge-
snmmturtheil zusammengefaßt ist.

„Nach den obigen Darlegungen steht jedenfalls
fest, daß nicht blos die Plastik des Multscher'schen
Altarwerks von Sterzing, welche die Erscheinung
Jörg S p r l i n' s so würdig vorbereitet, und für
eine so frühe Zeit (1456—1458) überrascht,
sondern daß auch die Malerei der Altarslügel
den plastischen Altartheilen in keiner Weise nach-
steht, ja unter den sicher datierbaren Schöpfungen
der Mitte des 15. Jahrhunderts alles übertrifft,
was diese Zeit in Oberdeutschland hervorgebracht
hat. Hatten wir bisher die Vorstellung, daß die
Ulmer Malerei erst mit Schüchlin eine energische
Steigerung über handwerksmäßigen Betrieb
hinaus erfahren habe, so rückt sich jetzt der
Ulmer Aufschwung weiter hinaus. . . . Ein solches
HinaufrückenderUlmerEntwicklung kann unskeines-
ivegs befremden, denn man darf doch annehmen,
daß sich überall, >vo der gothische Dombau West-
deutschlands in größerem Stile auftrat und alle
künstlerischen Kräfte ein Jahrhundert lang be-
schäftigte oder wenigstens spornte, auch die Ent-
wicklung der Malerei gefördert wurde, namentlich
von der Zeit an, als es galt, an den fertigen
Bauten nicht mehr blos die Fenster, sondern auch
die Altäre mit Gemälden zu schmücken. Von
Köln ist ein solcher Zusammenhang durch zahl-
reiche nachweisbare Werke seit dem Ende des
14. Jahrhunderts außer Zweifel; von Straß-
burg und Freiburg i. Br. können wir freilich
den Entwicklungsgang der Malerei jetzt noch nicht
befriedigend verfolgen, wenn wir auch wissen,
daß von Straßburg schon um die Mitte des 14.
Jahrhunderts der Maler Nikolaus Wurms er
nach Prag berufen worden ist. Aber auch vom
Oberrhein erfahren wir von einem frühzeitigen
Aufschwung, woselbst der hochbedeutende Konrad
Wits 1436 in der Gilde zu Basel erscheint.
Einen ähnlichen Aufschwung mußte auch der
Ulmer Münsterbau, begonnen 1377, erwecken."

Die Forschungen noch iveiter rückwärts aus-
zudehnen, die Frage zu beantworten, woher hat
Multscher selbst seine Kenntnisse geholt, wäre frei-
lich sehr interessant, um so mehr als Stephan
Loch ne r und Hans von Memmingen (in
Köln) nicht blos Zeitgenossen sondern auch Lauds-
leute des Hans Multscher waren. Aber diese Frage
ist noch verfrüht, doch erlauben ivir uns hier
auf S a lma uns w e i l er hinzuweisen. Die Er-
stellung der dortigen Klosterkirche ist so zeitig
erfolgt, daß dort das Bedürfniß der innern Aus-
stattung durch Malerei und Plastik auch ent-
sprechend früher sich geltend machen mußte und
überdieß waren die Verbindungen dieses Klosters,
das Vorort der Cistercienser-Klöster in Süd-
deutschland war, umfassend nach verschiedenen
Seiten hiit. Wir haben aber daraus schon ein-
gangs hingewiesen.

Die weitere Frage, ob Hans Multscher die
sänimtlichen Arbeiten des Sterzinger Altars
selbst gefertigt habe oder nur einen Theil des-
selben (Skulpturen! ivird als eine offene Frage
behandelt. Man kann auch eine solche Vorsicht
nur billigeit; aber das wird nicht in Abrede zu
stellen sein, daß in der M u l t s ch e r' schen W e r k-
st ätte jedenfalls sehr achtungswerthe Kräfte vor-
handen waren, wie sie nur selten sich zusammen-
sinden, wenn es auch schwerlich gelinge» wird
eine genauere Einsicht in die Arbeitstheilung
desselben zu gewinnen.

Schließlich möge der Wunsch noch Ausdruck
finden, daß es gelingen möchte, Mittel und Wege
zu finden, um den beiden tief einschneidenden
Abhandlungen Eingang und Verbreitung in den
weiteren Kreisen der Heimath des Hans Mult-
scher zu verschaffen.

^utlheiluiigen.

Altarblumen aus Eisen? Wir be-

gegnen schon im ganzen Mittelalter, besonders aber
in den sog. Spätstilen, dem Gebrauche, daß Blu-
men aus Eisen verwendet werden, aber nur als
Ornamente an Gittern, Kronleuchtern, Trägern,
Grabkreuzen u. s. w. Die Lilie und Rose er-
scheinen hier vorherrschend und von den Blättern
das Klee- und Eichenblatt und verwandte scharf
eingeschnittene Formen. Blumen aus Eisen aber
als selb st st ä n di g e Werke, z. B. als Altar-
blumen sind uns nicht bekannt. Einen stilisirten
Blumenstock aus Eisen als Altarschmuck, mit
Farben und Gold polpchromirt, herzustellen, würde
eine schwierige Ausgäbe sein und jedes Stück da-
her theuer -zu stehen kommen, denn die Einzeln-
theile müßten zart behandelt sein. Nicht stilisirte,
bloß den natürlichen mechanisch nachgeahmte Blu-
men sind keine Altarzierde und verwerflich. Sti-
lisirte Metallblumen für beit Altar sollten eigent-
lich nur aus Silber oder Kupfer getrieben
werden. A.

Dieser Nummer liegt ein Prospekt der Ver-
lagsanstalt Ben zig er u. Co. A.-G. Ein-
siedeln bei, betreffend: Die Glorie des hl.
Thomas von Aquin, sechs Kunstblätter mit
erläuterndem Text nach den von Prof. Ludwig
Seitz im Vatikan ausgesührten Freskenbildern.

Stuttgart, Buchdruckerei der ?lkt.-<4es. „Deutsches BolkstUutt".
loading ...