Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 17.1899

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lich und selig" nennen. — Wären für
Dürer's Umkehr positive Kennzeichen, etwa
persönliche Aenßernngen, vorhanden ge-
wesen, so hätte Pirkheimer nicht unter-
lassen, dieselben in seinem Briefe hervor-
zuheben, während er thatsächlich in breite-
stem Redefluß nurseine eigenen schlech-
ten Erfahrungen mit der Reformations-
partei schildert. Die einzige für Dürer's
Verhalten bedeutungsvolle Atittheilung,
welche der Brief enthält, ist die bereits
erwähnte Bemerkung, daß dieser mit ihm
selbst des gewaltthätigen Gebarens des
Rathsschreibers Spengler „miissig gestanden
sei", eine Stelle, welche aber über eine
persönliche Abneigung gegen diesen Mann
hinaus uicht ausgedeutet werden darf.

Es ist ja begreiflich, wenn man von
katholischer Seite den großen Meister,
dessen Schöpfungen so tiefe religiöse Innig-
keit athmen und dessen Persönlichkeit ben
lautersten Charakteren seiner Zeit beizu-
zählen ist, als treuen Sohn seiner Kirche
anerkannt git sehen wünscht. Aber dieser
fromme Wunsch darf nicht Anlaß dazu
geben, gegen die historische Wahrheit die
Augen zu verschließen, zumal, wenn er auf
einer unrichtigen Vorstellung der damaligen
Zeitverhältnisse beruht. Die Zeugnisse,
daß Dürer bis zu seinem Tode ein An-
hänger der Reformation, speziell ein Partei-
gänger Luthers gewesen ist, sind zu zahl-
reich und offenkundig, als daß Ulan mit
sophistischen Ausflüchten daran vorbei-
kommen könnte. „Anderseits wäre es —
um des Protestanten Thausing eigene
Worte anzuführen — gewiß ganz un-
historisch, Dürer 51t einem Protestanten .
stempeln zu wollen. Er starb am 6. April
l 528. Die Protestation der evangelischen
Stände ward aber erst auf dem Reichs- 1
tage zu Speper im Jahre 1529 einge-
bracht, die Augsburger Konfession erst im j
Jahre 1530 formulirt und übergeben.
Früher kann man schlechterdings von Ka-
tholiken und Protestanten als zwei ge-
trennten Religionsgenossenschaften nicht
sprechen. Mit Recht konnte daher Luther
Dürer glücklich preisen, daß er diese trost-
lose Spaltung seines Volkes nicht mehr
erlebt hat. Bei seiner tiefen Religiosität
und bei seiner Vaterlandsliebe wäre ihm
dieselbe ohne Zweifel sehr nahe gegangen.
Mit den Besten seiner Zeit hatte er ja

eine Wiedervereinigung der streitenden
Parteien erhofft. Die Entscheidung, auf
welche Seite er sich bei beut endlichen
Bruche zu stellen hätte, ist ihn: erspart ge-
blieben." ') Dürer hatte bis zu seinem
Tode durch Luther eine Besserung und
Neugestaltung der kirchlichen Verhältnisse
erhofft.

Wenn freilich die Reformation scheut ztt
Lebzeiten Dürer's schlimme Früchte gezeitigt
hat, so dürfen wir doch tticht vergessen,
daß jede Umwälzung, ob sie zuut Besseren
oder Schlimmeren führt, Stattb aufwirbelt
und es oft geraume Zeit braucht, bis der-
selbe sich so weit gelegt hat, um beit Aus-
gang erkennen ztt lassen. Etwas anderes
ist es, aus der Höhe vou fast vier Jahr-
hunderten aus die ganze Entwicklungsge-
schichte der traurigen Glaubensspaltung
j herabzusehen, etwas anderes, mitten in
deren Wirren ztt leben. Wettn auch nicht
■ völlig entschuldbar, so ist es doch immer-
hin begreiflich, daß in einer Zeit, wo selbst
die höchstett Autoritäten und die festesten
Throne ztt wanken begatnten und gerade
die Edelsten am rathlosesten waren in der
Frage, wohin man sich wenden solle, sich
auch ein Dürer von dem allzuhellen Glattze
des Tagesgestirnes blenden ließ und einer
Sache beitrat, die tit ihren Konsequenzen
zum völligen Bruche mit der katholischen
Kirche führen mußte. Welche Stellung
Dürer zum weiterett Verlaufe der reli-
giösen Bewegung würde eittgenotttmen
habett, wenn er die spätere Entwicklung
erlebt hätte, entzieht sich jeder menschlichen
Benrtheilung. —■

Lin Gang durch reslaurirte Airchen.

Fortgesetzt von Psr. D e tz e l.

Auf verschiedene uns nahe gelegte Wünsche
wollen wir unseren Gang durch restau-
rirte Kirchen auch auf solche Gotteshäuser
ausdehtten, respektive attch solche Kirchen
iit unserer Besprechung nachholen, die schon
vor längeren Jahren eitler kbeuteitbeit
Restauration unterzogen worden sind. So
gehett wir denn zuerst nach

11. Ahlen, OA. Biberach. Die alle
Kirche der kleinen Psarrgemeinde Ahlen
war den heiligett Aposteln Philipptts und

') Wiener Kunstbriefe S. 102 f.
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