Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 17.1899

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Treibkunst und seines Reichthnms an solchen
Werken berühmt; ganze Statuen wurden
getrieben. Arbeiten dieser Art aus der
römischen Zeit in edlem Metalle hat
mau gefunden in Pompeji und einer Reihe
anderer Orte in Italien, zu Beruay in
Frankreich und besonders bei Hildes-
heim anno 1807. Dort wurden ca. 60
aus Silber von Hand getriebene Gefässe
— ein ganzes Tafelservice einschließlich
großer Mischkessel — aus dem Augustini-
schen Zeitalter ausgegraben; die ganze
Sammlung ist jetzt in Berlin; es sind
Werke der herrlichsten und vollendetsten
Treibkunst.

Tie u r ch r i st l i ch e Zeit nahm na-
türlich für die nötigen Kirchengesässe die
Treibkunst aus dem Heidenthum herüber.
Kaiser Konstantin ließ eine Taus-Piscina
aus 3000 Pfund Silber treiben, beschenkte
die von ihm geballten lmb andere Kirchen
mit Kelcheli, Patenen, Lampen u. s. w.,
alles von edlem Metalle, sehr oft in Gold
getrieben. Papst Symachns' Silberleuchter
für das Grab des hl. Petrus waren welt-
berühmt. Aln Merovingischen Hose in
Frankreich arbeitete in der zweitell Hälfte
des sechstel! Jahrhunderts der Goldschmied
Abbo, der Lehrer dev hl. Eligius (geb. 588),
des Patrons der Goldschmiede zil Lünoges.

Die lueisten dieser früh christlich eit Er-
zeugnisse, wie noch vielfach die der roma-
u i s ch e li Zeit, standen unter denr Ein-
fluß der bpzalltiuischen Treibkunst. Gegen-
über der klassischen Kunst, welche das
freie Hochrelief gepflegt hatte, kehrte der
orientalische, halb barbarische Siuli Zinn
Praugell mit dem theuersten Material, mit
Gold, zurück; es wurden Altarmensen und
-Aufsätze, Wände mtb Säulen einfach mit
Goldblech überkleidet, welches zllnächst
durch Farbe lind Werth imponierte. Die
Verzierungen waren liicht luehr hoch,
sondern arabeskenartig lind flach gehalten,
allerdings mit außerordentlichem Fleiße
und großer Feinheit des Details; aber
der gange Charakter der Blechtafeln
blieb. Nicht mit Unrecht wird diese Rich-
tung der „Blechstil" genannt. Derselbe
kaul von Byzanz nach Europa, zunächst
über Venedig mtb Ravenna nach Ober-
italien ; von da verbreitete er sich all-
utählig weiter. Zur Zeit der Langobarden
war dieser Stil der herrschende. Be-

rühutte Erzeugnisse dieser Art von Treib-
kuust silld vor allein die großen Gold-
retabelwerke auf den Altären von St.
Ambrogio in Mailand, voiu St. Mar-
kusdom und anderen Kirchen in Venedig,
ferner der Evaugelieneinband itnd andere
Geschenke der berühmten Königin Theodo-
liude im Domschatz von Mouza, und im
Dom zu Grau das Heilig-Krenz-Reli-
quiariunl, eine Goldtafel von wundervoll
seiner Treibarbeit in nur wenig-erhabenen
orientalischen Arabesken und Figuren u. n.
In der Hagia Sophia zu Byzanz ntuß ein
fabelhafter Reichthum an getriebenen Ar-
beiten aus Gold- und Silberblech vor-
handen gewesen sein; es lvird von 42 000
verschiedenen Gerätheu und Stiicken aus
edleut Aletall berichtet; waren ja sogar
die Kapitäle der Säulen und Pfeiler mit
getriebenem Silberblech überzogen. Ver-
schiedene politische Stürme, besonders die
Einuahlue Koustantinopels durch die La-
teiner anno 1204, haben damit aufge-
räumt. Fast ähnlicher Reichthum sauunelte
sich in Rout int Lateran und St. Peter,
mib namentlich auch in Monte Casfino.

In Deutschland stand unter beit sächsischen
Kaisern die Treibkunst in höchster Blüthe.
Bernward von Hildesheim war ein Künstler
im Treiben wie im Gießen; ihm kam
Meiuwerk von Paderborn nahe; aus seiner
Zeit (1009 bis 1030) stammt Paderborns
schönster und kostbarster Schatz, der R e i s e-
altar, ein Taselwerk prachtvollster Arbeit.
Es erstanden jetzt die roman. Reliqnien-
schreine, die anfangs noch wenig archi-
tektonischen Schmuck zeigten und noch
den Charakter der „Blechkunst" an sich
tragen mit ihren Vorzügen und Schatten-
seiten. Das reichste Werk' des 10. Jahr-
hunderts dieser Art war der unter Egg-
bert von Trier geschmiedete und getriebene
Reliquienschrein des hl. Andreas. In
Aachen befand sich ein ganzer Ambo in
Silber getrieben. Das Herrlichste aller
Altar-Tafelmerke dieser ganzen vorgothi-
schen Zeit aber ist die weltberühmte „Gol-
dene Tafel von Basel", gestiftet vom Kaiser
Heinrich und feiner Gemahlin, jetzt im
Hotel Cluny in Paris, mit fünf großen,
in Relief getriebenen Figuren in Feldern,
die architektonischen Flächen reich mit
Arabesken verziert. Eine Menge ähnlicher
Altartafeln, die man wohl bei besonderen
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