Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 17.1899

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Organ des Rottenburger Diözesan-Rereins für christliche Ami st.

perausgeaebeu und redigirt von Pfarrer Detzel iu St. Lkristiua-Raveiisbiira.

Verlag des Rotteilburger Diözesaii-Rnilstvereilis,
für denselben: der Vorstand Pfarrer Hetze! in St. (Lstristina-Ravcnsbnrq.

Kr. 6.

Erscheint monatlich einmal. Halbjährlich für M. 2.05 dnrch die ivürtteinbergischen (M. 1.00
int Stuttgarter Bestellbezirk). M. 2.20 dnrch die bayerischen und die ReichSYostanstalten,
st. 1.27 in Oesterreich, Frcs. 3.40 in der Schweiz zn beziehen. Besteilnngen lverden
auch angenoiitmeii von alten Bilchhandlnngcn solvie gegen Einsendung des Betrags direkt
von der Expedition des „Deutschen Volksblatts" in Stuttgart, Urbansstratze 94, znm
Preise von M. 2.05 halbjährlich.


-Die kirchlichen Metallarbeiten.

Eine systematische Darstellung von
K o nrad Krimm e l.

III. Die Kunst des Treibens.

(Fortsetzung.)

Die G o t h i k war der Treibarbeit weniger
günstig, weil auch ihre Kleinkunst ausge-
prägten architektonischen Charakter hat.
Anstatt der glatten Flächen erschienen jetzt
an beit Reliqnienschreinen und Altar-
tafeln, an den Kreuzen und Ostensorien
überall gegliederte Architekturtheile: Giebel
mit Fensternischen, Strebepfeiler mit Fialen,
Thürmchen und Thnrmhelme, Gesimse,
Gurten, Wasserspeier, Randfiguren aus
Consolen und unter Baldachinen n. s. w.
lauter Arbeit für den Monteur, aber nur
seltener und in kleinerem Maßstabe für den
Treib künstler.

Doch finden sich immerhin kleinere und
größere Sachen getriebener Arbeit aus dieser
Zeit; natürlich ist auch hier wegen des kost-
baren Materials der weitaus größte Theil
verloren gegangen. In Deutschland waren
es die Städte Regensbnrg, München, Lands-
hut, Freising, Nürnberg und Augsburg,
welche die berühmtesten Werkstätten be-
saßen. In Regensburg wirkte um 1280
„Gottfried der Schwabe", in Nürnberg
Herdegen, Holpe, Krug sen. und jun.,
Albrecht und Andreas Dürer (Vater und
Bruder des großen Malers), in Augsburg
Peter Rempsing, Georg Selb, H. Müller,
Pittinger. Auch Klöster hatten berühmte
Goldschmiedestätten, so z. B. besonders Al-
derb ach bei Nilshofen, wo die Mönche Kon-
rad und Leonhard Wagner berühmt waren.
Eines der berühmtesten Treibwerke aus
dieser Zeit war die goldene Tafel in der
Michaelskirche zu Lüneburg, gestiftet von
Heinrich dem Löwen; ein Stück reines

j Goldblech in der Länge von neun und
! Höhe von sieben Fuß mit getriebenen Fi-
guren. Leider fiel es anno 1696 schon
j in die Hände des Räubers Nickel, der es
einschmolz. Theilweise Treibarbeit zeigt
! auch das berühmte „goldene Rössel" in
j Altötting und die Donauwörther Mon-
stranz (Wurzel Jesse). Die übrigen Pracht-
' Monstranzen sind meistens Werke der Mon-
tirknnst unter Verwendung einer Anzahl
kleiner Treibarbeiten; der Fuß allerdings,
zeigt oft schöne größere Treibarbeiten.
Gothische Kelche zeigen noch oft Medaillons
in Treibarbeit am Fuß und Cnppa. In
Italien war Siena berühmt durch die
Treibkunst, der berühmteste war Gnccio
i von Siena. Berühmte Werke sind die
pnla d’argento in San Salvatore zu
Venedig, die Altartafel in Pistoja, an
welcher über hundert Jahre gearbeitet bezw.

^ erneuert wurde, das Reliquiar des Cor-
porales von Volsena in Orvieto ttitb das
Reliquiar vom hl. Savino. Die berühm-
testen Maler und Bildhauer machten Zeich-
nungen und Modelle für die Treibkünstler,
z. B. die Pisani, Michelozzo. Verrocchio,
Luca della Robbia u. a.

Das große Zeitalter der höchsten B l ü th e
^ der Treibkunst aber trat mit der Re-
naissance und zwar mit der Spätzeit
derselben ein. Denn merkwürdigerweise
erhielt sich die Gothik in der Kleinkunst
noch über hundert Jahre lang, wenn auch
j die einzelnen Zuthaten und Beiwerke den
neuen Stil zeigten. Aber als Michel Angelas
j Ruhm dnrch die Welt ging, und als die
Zeit des Barock st i l s n n d des R o -
ko ko dieselben beherrschte, da wurde das
i malerisch-plastische Clement in der
| Kleinkunst auch wieder in die Herrschaft
| eingesetzt und es regierte unumschränkter
und reicher, als je zuvor. Zunächst war
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