Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 17.1899

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es die figurale Plastik, die jetzt nneder
auffant und allmählig sich weit reicher ent-
wickelte, als zur Zeit der griechischen und
römischen Blüthe. Im Barockzeitalter so-
dann, wo das malerische Elenrent anch die
ArDtektur unter seinen: Banne hielt, war
die ganze gebauchte, geschwungene, wuchtig,
weit unb protzig ausladende Gestalt der
Gefäße, Lampen, Leuchter u. s. w., die
bedeutend gesteigerten Größenverhältnisse,
die naturalistischen Motive von Blnmen-
und Früchtengnirlanden, Draperien, Put-
tenköpfchen u. s. w. eine Gelegenheit, wie
niemals gleich sich eine zweite geboten hat
für das Schwelgen in der Treibkunst. Und
mit dem eintretenden Rokoko erreichte
diese ungeheure Entwickelung gleich der
Kunstschmiedearbeit ihre üppigste, groß-
artigste Blüthe.

Am Eingang dieser neuen Periode nach
der Gothik stehen zwei Männer, deren
Namen für alle Zeit im höchsten Ruhnle
strahlen. Der eine ist der Italiener B e n-
venuto Eellini (geboren 1500, ar-
beitete in Florenz, Rom, wo er Michel
Angelo kopiren lernte, und im Dienste der
Gonzaga in Mantua, starb 1571 in Florenz).
Er gilt als der größte Al elfter in der
edlen Treibknnst, gleich wie Ghiberti im
Gusse, und von ihn: sagte n:an, er habe
säst alle seine wunderbaren Werke aus
freier Hand getrieben. Eellini ist aller-
dings als Prahler bekannt, der sich noch
viel größer machen wollte, als er war, und
er ist in der künstlerischen Originalität nicht
sehr ftaif, sondern benützt gerne frembe
Motive, aber in der Ausführung und in
der ganzen Technik ist er ein kann: über-
troffener Meister gewesen. Er machte ver-
schiedene Statuen und plastische Treib-
arbeiten für Franz I. von Frankreich, bei
den: er arbeitete, und für den Hof in
Alantua, aber es ist wenig vo:: ihn: auf
uns gekommen: das berühncke Salzfaß
sammt einen: Waschbecken sowie die Silber-
schließe des päpstlichen Pluviales (Wien),
ein herrlicher Tafelaufsatz in Silber
(London) und vor allem Kruzifix und sechs
Leuchter für bot Festgebrauch zun: Auf-
stellen auf den: Hanptaltar in: St. Peters-
don: z:: Ron:, in üppigsten, überreichen
Formen in Silber getrieben: das dürfte
von diesen Arbeiten so ziemlich alles fein.
Der zweite Meister dieser edlen Kunst ist

der Deutsche Wenzel Jamnitzer in
Nürnberg, geboren 1508 in Wien, Hof-
goldschmied des Kaiser Karl XL und dreier
Nachfolger, war das Haupt der Nürnberger
Goldschmiede, starb auch in dieser Stadt
1585. Er war besonders Meister in der
Xilein- und Montirarbeit, aber auch ebenso
in: Treiben. Seine meisten Werke sind
profaner Natur. In Dresden, Berlin,
Nürnberg und Frankfurt sind seine be-
rühmtesten Werke; als das bedeutendste gilt
der Tafelaufsatz der Stadt Nürnberg, eine::
Meter hoch, mit getriebener, prachtvoller
Frauenfigur, den Frühling darstellend. Ein
dritter in: Bunde ist der erst ii: neuester
Zeit entdeckte Anton Eisenhoit oder
Eisenhut, geboren 1554 zu Marburg bei
Paderborn, ch 1606; erhielt von seinen:
Vater, der in Ron: sich gebildet hatte,
klassische Lehre; er schuf eine Reihe herr-
licher Kirchengeräte in: beginnenden: Barock
für den Grafen Fürstenberg-Hedringen
(Bischof von Paderborn), die erst bei einer
Ausstellung anno 1679 zu Münster als
Werke ersten Ranges wieder erkanntwur-
den. Auch der berühncke Maler Hans
Holbein d. I. lieferte Prachtentnnirfe zu
getriebenen Arbeiten, so z. B. zu den: Pokale
bei der Krönnngsfeier der dritten „Ge-
mahlin" Heinrichs VIII. von England imb
zu den: Pokal der bekannten Anna Bolepn
(der letztere wird heute noch als Kelch
beim hochkirchlichen Gottesdienst benützt).

In der Barock- und besonders der Ro-
kokozeit war Augsburg die Hochschule
der Metallkunst nicht bloß in Deutschland,
sondern vielleicht ii: ganz Europa. Augs-
burger Goldschnckede arbeiteten für die
Fürsten, Höfe, Bischöfe, Kirchen und Klöster
der halben Welt. Und Augsburger Silber-
fchmiede zogen hinaus nach allen Welt-
theilen, besonders auch nach Italien und
Frankreich, un: dort neue Werkstätten zu
errichten und ihre Kunst auszubreiten. So
ist es z. B. erklärlich, daß der berühncke
silberne Hammer, mit welchen: bei den
große:: Jubiläen der Papst den ersten
Schlag wider die vermauerte fünfte Thür
an St. Peter thnt, nicht ein Werk Cel-
linis ist, wie man vielfach glaubt, son-
dern nachweisbar ein Werk deutschen
Fleißes. Wohl das gewaltigste, was die
Treibkunst jener Zeit geleistet hat, sind
die einzelne:: Theile an der Riesenstatue
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