Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 17.1899

Seite: 70
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würdiger g< worden; sie sind kiinstlerisch
völlig werthlos. Da wäre nun zu wünschen,
daß, so bald die Mittel es erlauben, in
diese ebenso einfach als hübsch gebauten
Altäre wieder neue Altarblätter kämen,
aber solche von fernem Pfuscher, sondern
von einem anerkannten Meister, von einem
Maler, wie ihn etwa die „deutsche Gesell-
schaft für christliche Kunst" stellen könnte.
Dann wäre eine prächtige Harmonie ge-
schaffen und die Altäre würden auch für
die künftige Generation der Genreinde erst
recht künstlerisch werthvoll nnb Andacht er-
regend dastehen. Der jetzige Kontrast
zwischen diesen schlecht genralten Altar-
blättern und den herrlichen, neuen Pla-
sondgemälden, auf die wir zrr sprechen
kommen, muß jebem halbwegs künstlerisch
sehenden Arrge auffallen und sollte und
wird wohl auch früher oder später einer
prächtigen Harmonie Platz machen.

Die schönste und kunstreichste Zierde der
restaurirten Kirche sind nenrlich eben diese
Plafondgenrälde von bem Mürrchener Hi-
storienmaler Bonifaz Locher. Die
Fläche des Plafonds im Schiffe hat eine
Länge non 14 und eine Breite von
0 Metern und mußte hier, sollte eine so
große, leere Fläche nicht störend in dem
Gotteshanse wirken, nothwendig figurale
Malerei eintreten. Es wurde deshalb für
die Decke ein größeres Bild — 5 Meter
breit und 7 Mieter hoch —, nebst vier
kleineren Medaillorrs, welche die Brust-
bilder der vier Evangelisten aufnehnren
sollten, bestimmt. Als Haupt- und Mittel-
bild wurde eine Darstellung aus dem Leben
der heiligen Apostelflirsten Petrus und
Paulus gervählt, die im Mittelalter schon
eine beliebte Scene nun, nenrlich der Ab-
schied der Apostel Petrus rtitb
Paulus" vor ihrer Hinrichtung. Um
den Gegenstand für das Volk noch ver-
ständlicher zrr urachen, deutete der Meister
zugleich auch beit Todesgang der beiden
Apostel und die Art ihrer Hinrichtung an.
Wir sehen deshalb links den Scharfrichter
mit bem Schwerte stehen, als Andeutung,
welche Todesart der Apostel sterben werde,
während im Hintergründe das Kreuz für
den hl. Petrus ausgerichtet wird. Der
Meister hatte die große Skizze zu diesem
Hauptbild auf ganz gewöhnlichen, geleim-
ten Pappendeckel gemalt, woraus ihm

große technische Schwierigkeiten entstanden
da die Farben auf solchem Material bald
zu hell bald zu dunkel auftrocknet. Für
seine Zrvecke war dieses Verfahren auch
genügend, da er so mehr Zeit auf die
Kartons verwenden konnte, aber der Kri-
tik über die Skizze war damit eine größere
Zielscheibe aufgestellt. Den (aber nicht
vom Bestellers an den Meister ergangenen
Wunsch, die Skizze in Beuron vorzulegen
und kritisiren zrr lassen, hat der Künstler
rundweg abgeschlagen, mit bem Airfügen,
lieber ans den Auftrag verzichten zrr wollen,
nnb man muß sich allerdings sagen: Ben-
roner Malerei und Barockkirche — wie sollte
das znsammenstinrmen! Auf die Wünsche
des Oiözesan-Kunstvereins bezüglich einiger
Abänderungen in der Skizze bei der Aus-
führung ist dagegen der Meister bereit-
willigst nnb sofort eingegangen, Aende-
rnngen aber in beit Farbentönen, besonders
Hervorhebung von einzelnen Figuren und
dergleichen mußten sich bei der Ausführung
von selbst ergeben, da eine Skizze, be-
sonders eine solche ans Papier, nicht in
natura wiedergegeben werden kann und
eine solche Wiedergabe auch nicht beab-
sichtigt war. Bei der Ausführung geschah
dann die Hervorhebung der Hauptgrnppe
besonders durch die richtige Abstufung der
Farbentöne und wirkt auch die aus den
Stufen liegende Figur, die der richtigen
Perspektive wegen ans der Skizze so groß
gezeichnet werden mußte, jetzt, nachdem sie
bei der Ausführung in der Farbe unter-
geordnet ist, nicht mehr störend. Die drei
Figuren links hinter dem Scharfrichter sind
als theilnehmende Christen gedacht, deren
vorderste die Frau ist, die dem Apostel
Paulus ihr Tuch überreicht hat. Die vor
dieser knieende Figur, direkt hinter dem
Scharfrichter, ist ein Soldat oder Scherge,
der Hammer, Nägel, Stricke n. s. w. in
einem Korbe znsammenrichtet. Die Gestalt
mit dem rothen Mantel hinter dem Apostel
Petrus ist ein Opferpriester, der höhnisch
ans das Kreuz hinweist. Die ganze reiche
Komposition wirkt ergreifend schön nnb ein-
drucksvoll und eilte auch tut Detail kor-
rekte Zeichnung wtb herrliche Farbenstim-
mnitij, wie man beides an Locher gewohnt
ist, stellt dieses große Bild würdig an die
Seite der W n r m l i n g e r Darstellnngen
von demselben Meister.
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