Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 17.1899

Seite: 71
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Eine gleich ausgezeichnete Komposition,
wenn auch an bekannte Vorbilder erin-
nernd, ist am Plafond des Chores das eben-
falls von L o ch e r entworfene heilige
A b e n d m a h l. Voll Hoheit nnb Würde
in Gestalt und Ausdrltck sitzt in der Mtte
der Tafel der Heiland, rechts von ihm
fein Lieblingsjünger und links der hl. Pe-
trils< Tie treffliche Grnppirnng der üb-
rigen Apostel und die Charakterisirnng
ihrer Köpfe zeigen auf ben ersten Blick
den Meister, wie wir ihn ans der Mappe
der „deutschen Gesellschaft für christliche
Kunst", namentlich ans der des letzten
Jahrganges (1898) kennen. (Forts, folgt.)

ßa ns Dl lu lisch er von Ulm.

Von Max Bach.

Nachdenr die schöne Publikation der Kunst-
historischen Gesellschaft über Hans Multfcher
und als Dert dazu die Abhandlung von
Reber erschienen ist, hat »tan alles nur
wünschenswerthe Material beisammen, nur
den Künstler vollauf würdigen zu können.
Es ist ein Vielster allerersten Rangs, ein
Phänomen in der Kunstgeschichte für die
Zeit, aus welcher bei uns so wenig er-
halten ist. Aber fragen wir, ist es mög-
lich, ihm die Doppeleigenschaft als Bild-
hauer und Maler zuzntranen? Mit dieser
Frage werden wir uns zu beschäftigen
haben.

Betrachten lvir zunächst den Bildhauer.
Als solcher erscheint Hans Multfcher erst-
nrals 14:21 im Hinter Bürgerbnch, dann
nennt er sich auf dein int Jahr 1433 ge-
stifteten Kargstchen Altar int Münster zt>
Ulm selbst als den Verfertiger des Bild-
werks, weiter wird er in einem steneramt-
lichen Protokoll von 1431 genaltnt als
„Bildmacher" iutb schließlich bezeugt aut
13. März 1467 Graf Hans voit Linhain,
daß er an Meister H. M., Bild halt er
in Ulnt und feiner Frau Adelheid Kitzin
Jahrzeit (d. h. jährl. Seelenmesse) IV2 fl.
rh. einigen Zins aits feilten Gütern um
37 fl. verkauft habe.

Ans biefeu Ulinifchen Urkunden geht
unwiderleglich hervor, daß Multfcher Bild-
hauer und zwar in erster Linie Steinbild-

0 Zuerst abgedruckt in den Sitzungsberichten
d. phil. histor. Klasse d. t. bayer. Akad. d. Wissen-
schaften 1898 If.

Hauer war. Wie steht es aber mit den
Stertzinger Urkunden? Dort ist nachge-
wieseit, daß flir die Pfarrkirche in den
Jahren 1456—58 ein großes Altarwerk
ailfgestellt wurde, welches ein Hans Mnlt-
scher „der Dafelmeister" gemacht hat. Nun
kaim nach bem Sprachgebrauch der da-
inaligen Zeit unter Dafelmeister nicht spe-
ziell eilt Bildhauer verstanden iverdeit,
sondern wie ntan hetttzutage sagen würde,
ein Altarbauer, d. h. der Unternehmer für
den gangen Altar.

Aus den mit großer Sorgfalt von Reber
zusaiitntengestellteit Auszügen ans den
Kirchenrechniliigen geht nun weiter hervor,
daß in Innsbruck die Schreinerarbeit, der
Tabernakel n. f. w. gefertigt worden ist;
die Bildwerke aber, unter denen, nach
meiner Annahnte, iticht zugleich and) die
Gemälde zu verstehen sind, aits Ulnt über-
führt witrden. Der Meister war längere
Zeit in Stertziitg anwesend nnb ihn und
feinen Vertrattensntännern, welche atts-
drücklich als Ulnter Knnflente bezeichitet
siild, iverdeit nach und nach 300 rh. Gitl-
ben ansbezahlt. Ob and) die dartntter
begriffenen 2 fl. für einen Bader, welche
Reber anführt, so zil verstehen sind, als
gegeben „dem Meister Hans für eilten
Bader", ist nur sehr unwahrscheinlich. Der
Eintrag sagt ja deutlich; „mer Hab ich
geben dein Maister Hansen de nt p ad er."
Alan darf dabei nicht an eine andere Per-
son denken, denn int Mittelalter erhält be-
kanntlich jeder Handwerker das Prädikat
„Maister".

Gehen wir mm zur Beschreibung' der
Bildhauerwerke über. Sie bestehen erstens
aits den Predellenfiguren; Christlts mit
den zwölf Aposteln. Die Figuren sind
0,67 (Zentimeter hoch nitd stehen jetzt leider
aits Barockfockelit in der Margarethenkn che
zu Stertzing, modern bemalt, was ihren
alterthüntlicheit Eindruck wesentlich beein-
trächtigt. Es sind, um mich der Worte
Rebers zu bedienen, Kttnstwerke iticht
gewöhnlicher Art, und durch die iit-
dividnelle Charakteristik nnb Ausdrncks-
fähigkeit der Köpfe verschiedenen Alters,
wie durch die Schönheit der naturgemäßen
nnb mannigfaltigen Gewandführung und
der Hände'fogar überraschend itnb als Vor-
läufer der Syrlin'schen Werke von höchster
Bedetttuug.
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