Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 17.1899

Seite: 72
DOI Heft: 10.11588/diglit.15904.44
DOI Artikel: 10.11588/diglit.15904.46
DOI Seite: 10.11588/diglit.15904#0084
Zitierlink: i
http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/afck1899/0084
Lizenz: Creative Commons - Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen
0.5
1 cm
facsimile
Noch bedeutender sind aber die Holz-
schnitzfignren des Altarschreins. In der
Mitte Maria mit dein Kind, 1,58 Meter
hoch, jetzt wieder am Hauptaltar der Pfarr-
kirche angebracht, aber leider durch hinzu-
geftigte Attribute, Krone u.s. w. entstellt. Es
ist eine hoheits-, anmnths- und empsindnngs-
volle Gestalt, ich möchte fast sagen in moder-
ner Auffassung, nicht in dem konventio-
nellere steifen Stil, den man sonst bei
Holzschnitzfignren dieser Zeit mahrninunt.
Auch das Kind ist ungemein liebreizend
und gilt modellirt. Beiderseits vor dieser
Ntittelfigur standen renn vier weibliche
Holzfiguren, etwas kleiner als die Ma-
donna und zwar die Heiligen: Katharina,
Barbara, Apollonia und Agnes von ganz
überraschend guter Ausführung, sein in
Bewegung und Drapirnng, die jugendlichen
Köpfe von großer Anmnth, zart im Aus-
druck, weich in den Formen. Anßerdern
befinden sich noch in der Spitalkirche zu
Stertzing zwei Schnitzsiguren, die Heiligen
Florian uub Georg in den traditionellen
Rüstnngen. Die beiden Figuren 1,54 Nieter
hoch, erscheinen nur durch die spätere lleber-
malung geringer als die zuvor genannten,
sie sind mit der gleichen Sorgfalt wie die
anderen Statuen ausgeführt ltnb es be-
steht somit kein Zweifel, dieselben der
gleichen Hand znznschreiben. Reber nimint
an, diese Figuren hätten gleichsam als
Wächter des Schreins rechts und links
von demselben gestanden.

Die Niaria war, wie meist iiblich, von
zwei Engeln begleitet, welche eine Krone
über ihreni Hanple hielten. Diese von
den früheren Autoren noch an Ort und
Stelle gesehenen Engel sind in neuerer
Zeit abhanden gekommen und verschollen.

Da Probst hat versucht in seinem Ar-
tikel im Jahrgang 1897 dieser Blätter
Nr. 2 nach Analogien sich umzusehen und
bespricht mehrere Skulpturen ans Ober-
schwaben stammend, wovon er besonders
die drei trauernden Frauen von einer
Kreuztragung in Rottweil und die von
Paulus in seinen Württembergischen Knnst-
denkmälern pnblizirten Bronnweiler Figuren
hervorhebt. Ich kann inich nicht entschließen,
diese Skulpturen an die Seite der herr-
lichen Werke unseres Meisters zu setzen,
geschweige denn an seine Schule zu denken,
sie sind offenbar etwas früher, inehr gegen I

den Anfang des 15ten Jahrhunderts hin
zu versetzen. Dagegen finde ich auch einen
Schnlzusammenhang der Eriskircher Sta-
tuen mit den Bronnweiler Figuren anzn-
nehmen, als berechtigt.

Betrachten mir jetzt noch die Gemälde
der Flügel. Sie enthalten beim geschlosse-
nen Schrein Scenen aus der Passion und
zwar je zwei Bilder ans beiden Seiten.
Oben rechts die Dornenkrönung, unten die
Kreuztragung: links oben der Oelberg, dar-
unter die Geißelung. Bei geöffneten Flü-
geln erscheinen rechts oben die Anbetung
der Könige, unten der Tod Mariens, links
oben die Berkiindigung, unten die Geburt
Christi. Die Malerei ist im Wesentlichen
von einer Hand und zwar von einer
Künstlerhand, die keinenfalls hinter der-
jenigen des Bildhauers znrücksteht.

Die Oelbergscene bietet in den Haupt-
figuren Schönheiten dar, die zu beit her-
vorragendsten des ganzen Cpklns gehören.
Die Perle des Bildes aber ist die Gruppe
der schlafenden Jünger ivelche nur in Ab-
bildung wiedergeben. Die wundervollen
Gestalten verbinden ein in dieser Zeit
außerhalb der Niederlande seltenes Natnr-
stndium, eine Charakteristik in den Köpfen,
die bewrtndernswerth ist. Die Malerei ist
von einer Zartheit des Auftrags nach Licht
und Schatten, rvie von einer Bedachtnahine
auf die entsprechende Abhebung der Figuren
durch Schlagschatten rvie durch Helligkeit
oder Dunkel des Hintergrundes, die für
die oberdeutsche Kunst der Mitte des löten
Jahrhunderts in Erstaunen setzt. Bon be-
sonderem Reiz ist das erste der vier
Marienbilder, die Verkündigung; es er-
innert ans den ersten Blick sofort an die
gleiche Scene Barth. Zeitblom's am Heer-
berger Altar, steht aber durch die feine
Natnrbeobachtnng des perspectivisch gezeich-
neten Raumes noch höher. Eine derartige
Behandlung des durch die Fenster ein-
sallenden Lichtes und der dadurch bewirk-
ten Reflexe und Schatten ist sonst der
Oberdeutschen Kunst des 15ten Jahrhunderts
fremd.

Ansprechend naturalistisch wirkt der Tod
Mariens durch die Naturmahrheit und er-
greifende Schilderung der Scene. Von
wunderbarer Schönheit ist das edle schmale
Gesicht Mariens, ein verklärtes Bild über-
standener Leiden. Die Apostel grnppiren
loading ...