Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 17.1899

Seite: 73
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sich tu der gewohnten Anordnung lind int
Hintergrund erscheint die Halbfigur Christi
mit der Seele Mariens auf dem Arm.

Aber wer ist der Meister dieser schönen
Gemälde, denen bis heute kein zweites
Werk seiner Zeit gleichgestellt werden kann?
Auch wenn wir nicht in der glücklichen Lage
wären, den Namen des Bildhauers 51t kennen,
müßte man ans die Ulnter Schule schließen,
denn Ulmisch durch unb durch ist die ganze
Empfindungsweise des Meisters, die lichten
schön gestimmten Farben, die Art der Ge-
wandtbehandlung und dergleichen.

Reber sucht in einem Gemälde der Schleiß-
heinrer Galerie, „Christus als Schmerzens-
mann", datirt 1457, denselben Meister nach-
znweisen, doch glaube ich mit Unrecht. Die
harte Behandlung der Draperie besonders
bei der Maria, das wenig studirte Nackte
u. s. w. läßt sich nicht mit den Stertzinger
Bildern in eine Linie stellen. Auch das
Bild der heiligen Dreifaltigkeit tut Münster
zu Ulm, welches die Publikation der pho-
tographischen Gesellschaft ans dem Tert-
blatt abbildet uitb Reber demselben Meister
zuschreibt, dürfte in feinem jetzigen Zustand
kaum als ebenbürtig gelten.

Die bekannten Gemälde der Ulnter
Schule bieten sonnt vorerst keine Anhalts-
punkte zur Bestimmung weiterer Werke
des unbekannten Meisters, alle ungefähr
gleichzeitigen Bilder eines Lncas Moser,
eines Herlen, eines Schüchlin n. s. w.
lassen sich nicht damit vergleichen. Moser
ist von der Miniatnrknnst beeinflußt, Her-
len voll den Niederländern unb Schüchlin
von der fränkischen Schule. Und gerade
der letztere, den man seither als den Lehrer
des Zeitblonr angesehen hat, steht in Seinem
Zusammenhang mit den Stertzinger Bil-
dern unb deßhalb möchte ich ihn auch gar
nicht als tonangebend für die späteren
Uliner Meister ansehen. Zeitblonsis Kunst
fußt vielmehr auf dem großen unbekannten
Meister, denselben dürfen wir mit größerer
Wahrscheinlichkeit als Schüchlin für den
Lehrer Zeitblom's halten. Wenn rnan Zeit-
blom's Geburt etwa 1550 annimnü, so
fauit er noch mehrere Jahre als Schüler in
der Werkstatt des Meisters gearbeitet haben.

Früher') glaubte ich annehmen zu müs-

U uin neuer Meister der Utmer Schule, in
der Zeitschrift für bildende Kunst 1897/98.

feit, da die Zeit zwischen den Ulnter und
Stertzinger Urkunden einen Zwischenraum
von 23 Jahren frei läßt, wo man von
Mnltscher nichts mehr hört, den Stertzinger
Meister von beut Ulm er Bildhauer Mnlt-
fcher ganz zu trennen. Jetzt steht aber
fest, daß mir zwei Künstler annehinen
müssen, und zwar beide Ulnter, welche
gleichzeitig an dein Werk betheiligt waren.

Reber ist geneigt, den Bildhauer mit
dem Maler zu identificiren, obgleich er
zugibt, daß dafür keine sicheren Anhalts-
punkte vorhanden sind und ebensowenig
hiefür weitere Beispiele aus der Kunst-
geschichte bekannt sind, daß ein hervor-
ragender Maler zugleich auch ein bedeuten-
der Bildhauer gewesen wäre. Bei Mnltscher,
der wiederholt und entschieden als Bild-
hauer und nicht als Bildschnitzer erwähnt
ist, dürfen wir mit vollem Recht diese
Doppeleigenschaft in Abrede stellen.

Reber nimmt zwei Möglichkeiten an,
die für eine Doppelkunst Mnltschers sprechen
sollen. Erstens, die stilistische Ueberein-
stimmnng der Gemälde mit den Skulp-
turen und zweitens, weil nicht wühl anzn-
nehinen sei, daß ein so hervorragender
Meister einen in seiner Kunst congenial
gestellten Maler zur Mitarbeiterschaft ge-
wonnen haben könnte. Beide Gründe
scheinen uns absolut unhaltbar; erstens ist
von einer stilistischen Uebereinstimmnng der
Gemälde mit den Skulpturen auch nicht
das Geringste wahrmehmbar. Die Dra-
pirnng der Bildhauerwerke Mnltschers ist
so charakteristisch und eigenartig, daß es
nicht schwer halten würde, dafür bei den
Gemälden Analogien zu entdecken. Und
wie sollte ein technisch so hervorragender
Dreister, wie es der Maler der Stertzinger
Tafeln war, zugleich auch ein bedeutender
Bildhauer sein! Das ist einfach unmöglich
und auch bis auf die neueste Zeit nientals
dagewesen.

Rein, wir müssen uns auf einent mehr
natürlichen Wege die Umstände zu er-
klären suchen, die dazu geführt haben,
warum in den Stertzinger Urkunden nie-
mals von den Gemälden oder einent Maler
die Rede ist. Und ich glaube hiefür einen
Anhaltspunkt zu haben. Die Tradition
weiß in Stertzing von einem Ulmer Kauf-
umitit Namens Leonhard Scharrer zu er-
zählen, der den Hochaltar der Kirche dort-
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