Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 17.1899

Seite: 74
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hin gebracht haben soll, und ivie noch hin-
zugefügt wird, seine Vaterstadt des Glan-
beus wegen habe verlassen nüissen. Für
die Zeit nur die Mitte des fünfzehnten
Jahrhunderts ist nun allerdings diese An-
nahme ausgeschlossen, denn die Reforma-
tion und die dannt int Zusammenhang
stehende Bilderstürmerei ist ja erst viel
später erfolgt.

Damit wäre aber nicht ausgeschlossen,
daß Scharrer wirklich der Stifter der Ge-
vlätde ist, die er in Ulm hat ausführen
lassen. Und sonnt erklärt sich dann auch
leicht das Schweigen der Urkunden über
die Gemälde und ihren Verfertiger, da
selbstverständlich die Kirchenverwaltnng da-
fiir keine Ausgaben zn machen hatte.

Daß Scharrer ein wohlhabender Mann
war, beweist sein noch erhaltener Grabstein
an der Kirche, dessen Datum aber leider
verstünnnelt ist. Noch ist zn beachten, daß
die angegebene Summe von 300 Gulden,
welche Multscher für seine Arbeit ansbe-
zahlt ivnrde, viel 51t niedrig erscheint, wenn
dannt auch die Gemälde in Inbegriff 511
nehmen wären. Der Ruf der Ulmer
Schule hat sich zn dieser Zeit gewiß nicht
schon so weit verbreitet, daß im fernen
Stertzing ein Hochaltar, ohne bestinunte
Veranlassung in Ulm bestellt worden wäre.
Wenn wir auch heute den Maler nicht
kennen, so steht doch soviel fest, daß wir
denselben nicht mit dein Bildhauer zn-
sannnenwerfen können. Möge ein gütiges
Geschick bald weitere Ailsktärnilg darüber
bringen.

Nochmals Friedrich schramm.

Bon Max Bach.

Pfarrer Dr. Probst sucht iit einem Artikel in
Nr. 4 des vorigen Jahrgangs dieser Blätter die
Existenz des angeblichen Ravensburger Bildhauers
Fr. Schramm von neuem aufrechtzu halten, indem
er in eine Kritik meiner Ausführungen im „Diözesau-
Archiv" 1896, Seite 186 ff. sich einläßt. Zu-
nächst bestreitet der Verfasser meine Auffassungen,
in Betreff der bekannten Notiz Dursch's in der
zweiten Auslage seiner Aesthetik der christlichen
Kunst, ivelche eigentlich beit ganzen Streit hervor-
gerufen hat. Aber woher will denn Probst so
ganz genau wissen, daß Dursch in diesem Falle
aus bester Quelle geschöpft und seine Angabe als
richtig und unantastbar anzusehen ist? Weiß man
denn, ob derselbe den Altar an Ort und Stelle
noch gesehen und die Inschrift notirt, oder die-
selbe später bei dem Alterthumshändler Herrich
abgeschrieben hat? Das ist doch ganz und gar
unwahrscheinlich; Dursch schöpfte diese Notiz ohne

allen Zweifel erst aus zweiter oder dritter Hand
und hat sie in gutem Glauben angenommen.
Und deßhalb erhält auch meine Meinung, daß
Dursch auf der Alterthums-Versammlung in Ulm
im Jahr 1856 von irgend Jemand diese Nach-
richt empfangen habe, immer mehr Wahrschein-
lichkeit, da sein Buch kurz darauf erschien und zu
jener Zeit Juschrifteufülschungen u. drgl. gang
und gäbe waren, die bei dem damaligen niederen
Stand der Kunstforschung und Kunstkritik selbst
voir Fachleuten nicht bemerkt und als bare Münze
angenommen wurden.

Was nun speziell die Juschrifteufrage aube-
langt, so geben die von Probst angeführten Bei-
spiele feinen Beweis zur Entkräftung meiner Be-
hauptung ; daß auf mittelalterlichen Altarwerken
niemals Bildhauer und Maler sich zugleich in-
schriftlich verewigt haben.

Gleich das erste Beispiel von Dr. Schröder
beigezogen, ist verfehlt. Es ist, ivie ich im „Archiv"
1898 Nr. 6 nachzuweisen gesucht habe, offenbar
gefälscht und daher beweislos. Das ziveite Bei-
spiel aus Ingolstadt ist so spät <.1570;, daß es
für meine "Aufstellung nicht mehr beizuziehen ist,
und die beiden andern Angaben aus Eßlingen
unb Nottenburg beziehen sich gar nicht auf wirk-
liche Inschriften an Altarwerken. Bei Ehor-
gestühlen werden oftmals zwei Verfertiger ge-
nannt, so z. B. auch hier in der Spitalkirche, wo
es heißt: „1493 habend dieß iverck gemacht bruder
Conrad Zolner und Hanß Haß."

Nach all' dem muß ich, so gerne ich auch dem
apogrpphen Meister Schramm seine Existenz-
berechtigung gönnen würde, doch daran festhalten,
daß derselbe der modernen Kritik nicht Stand
halten kann und die Kunstgeschichte sich mit seinem
Namen nicht zu beschäftigen hat.

lieber Orgelbau.

Aus dem Bescheid eines Orgelbauinspektors
über die vorgenommene Prüfung einer neuen
Orgel entnehmen wir folgendes: „Die beit Herren
Architekten so geläusige Nosette hinter dem Orgel-
raum erweist sich auch hier wie an so vielen Orten
als unpraktisch. Der Einfall des Lichtes ist so
energisch, daß das Gehäuse dem geblendeten Auge
kaum sichtbar ist, und die Einwirkung der Sonnen-
strahlen steht mit den Holztheilen der Orgel auf
gespanntem Fuße, deren gesunden Bestand es
sehr in Frage stellt. Der Eintritt des Lichtes
muß deshalb durch eine Verschalung verhindert
werden."

Hierdurch ivird ein Punkt berührt, der schon
zu vielen Klagen und Beschwerden Anlaß gegeben
hat: daß nemlich bei Erstellung neuer Kirchen
auf die Bedürfnisse und die Plaeiruug der Orgel
i und des Kirchenchores oft zu wenig Rücksicht
! genommen wird. Wir sind gewiß keine Freunde
! von sog „Zehnt-Scheuern", deren einziger Vor-
j zug darin besteht, daß man von jedem Winkel
der Kirche auf den Altar sieht; wir erkennen es
vielmehr freudig an, daß man in unserer Zeit
bestrebt ist, neue Kirchen und Kapellen künstlerisch
und stilgerecht herzustellen und die alten ebenso
stilgerecht 311 restauriren, und möchten auch hierin
das Verdienst unserer Architekten nicht im ȟn-
l besten geschmälert wissen, aber wir sind auch
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