Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 17.1899

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Wie beim eigentlichen Gusse eine Formt
vorhanden sein muß, in welche der Gnß
erfolgt und die demselben seine Gestalt
gibt, so ist auch für die Galvanoplastik
eine Form, meist ans Guttapercha, Wachs,
Stearin, oder auch aus Metall, das aber
eingefettet sein muß, nöthig, welche den
Kunstgegenstand, der hergestellt werden
soll, als Matrize negativ darstellt. In
diese Form hinein wird nun das Metall,
meist Kupfer, das aber nicht int Feuer
flüssig gentacht wurde, sondern das auf
chemischem Wege in wässerigen Zttstand
aufgelöst ist, mit Hilfe des galvanischett
Strontes geleitet. Unter Eitiwirkting des
letzteren Strontes schlagt sich das Metall
langsam in der betreffenden Formt nieder,
füllt sie allmählig atts, tind bildet so eine
feste, dichte Btetallkrnste von ähnlicher
Festigkeit und Dichtigkeit, tvie wenn sie
durch einen Guß hergestellt tvorden wäre.
Dieser chemische Prozeß geht aber natür-
lich nicht in einem Moment vor sich, wie
der Gttß, sondern er braucht je nach der
getvünschten Dicke des Stückes längere Zeit.
Jtt 24 Stttttdett z. B. ist erst die Dicke
eittes starken Papierblattes erreicht. Alan
kann aber jede Dicke erzielen, wenn man
nur die entsprechende Mettge der betreffen-
den Aietallsalze bezw. ihre Lösungen zit-
gibt, beim der galvanische Strom zieht
mit unfehlbarer Sicherheit ans letzteren
auch das letzte Metallatom heraus liub in
die anszufüllende Formt hiitein. Der ganze
chemifch-phpsikale Prozeß geht sehr einfach
dadurch vor sich, daß man die oben be-
schriebene Form in das Gefäß, welches
mit den wässerigen Metall-Lösungen ge-
füllt ist, bringt uitb dann den galvani-
schen Strom in Thätigkeit fetzt. Die
Hauptvorzüge bei diesem Verfahren sind
die: 1. daß alles ohne weiteres Zuthun
von Menschenhand vor sich geht, 2. daß
mit elementarster Sicherheit und Präci-
sion das Metall sich der Form, auch wenn
sie noch fein uitb reich gearbeitet ist, an-
fchließt, 3. daß keilte Kosten und kein Ri-
siko des fetterflüssigen Gusses nöthig sind.
Hat die in der Guß form sich nieder-
schlagende Nietallschicht die nöthige Dicke
erreicht, so wird sie von der Form weg-
gelöst und alles ist fertig. Da auch das
ininutiöseste Detail der Gußforin wieder-
gegeben ist, so bedarf es keiner Nachbear-

beitung, Ciselirung n. f. w. durch die
menschliche Hand mehr. Gewöhnlich aber
wird blos eine so starke Schicht erzeugt,
daß sie eben noch für sich die nöthige Con-
sistenz besitzt; zur Verstärkung wird ihr
dann noch eine Schicht wohlfeileren Me-
talls, z. B. Zinn u. drgl. unterlegt. Auf
diese Weise kann man sowohl den Kunst-
guß, als auch die Kunsttreibe- und andere
Arbeiten ersetzen. Man kann auf galvano-
plastischem Wege sowohl Flächenstücke (z. B.
Nachahinung von Münzen und Medaillen,
Ubrenschilde, Flachornamente und Reliefs
aller Art, Knpferstichplatten-Abgüsse nach
den Originalen n. s. m.) als Rundfiguren,
z. B. Sänlchen, Konsolen, Lantpen- und
Lenchterfüße, ganze Statuetten von Thieren
und Menschen, Gefäße aller Art darstellen;
sogar an ein Monnmentaldenkmal hat sich
diese Technik gewagt in Frankfurt a. M.,
wo die drei über lebensgroßen Figuren des
Gutenbergdenkmals auf galvanoplastischem
Wege hergestellt sind. Letztere Figuren,
II Fuß hoch, waren 6 volle Wochen int
galvanischen Bade; ihnen gesellt sich bei
der galvaneplastische Abguß der Trajans-
sänle in Rout für Napoleon HI. in 500
Stücken. Für historische und archäologische
Zwecke hat die Galvanoplastik zweifellos
eine große Bedeutung; sie ist auf dem Ge-
biete der Skulptur, was auf dein der
zeichnenden Künste die Photographie ist.

Der Handel mit galvanoplastisch her-
gestellten Figuren, Reliefs n. s. w. hat im
Gebiet des Kunstgewerbes eine enorine
Ausdehnung genonunen. Man kann die
Prachtwerke alter Treib-, Modellir- und
Reliefknnst tun billiges Geld in Galvano-
Nachbildungen erwerben. Für die Kirche
haben derartige Werke bis dato noch
wenig oder keine Verwendung gefunden.
Für private Dekorationszwecke dagegen ist
die Galvanoplastik iinmer inehr thätig, in-
dein sie kleine Figuren, besonders von
schönen, klassischen Vorbildern herstellt,
und diesbezüglich ist sie berufen, die Gyps-
fignren u. s. m. zu verdrängen. Es wäre
immerhin zu wünschen, daß von den schön-
sten christlichen Skulpturen älterer und
neuerer Zeit Kopien in verkleinertein Maß-
stabe in Brouce hergestellt würden und
einen würdigen Zimnterschmnck bildeten.
Und wir wiederholen hier, was wir an
anderer Stelle schon vor ca. 3 Jahren
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