Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 17.1899

Seite: 87
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dieo weist auf eine schöne Anordnungs-
gabe unseres Meisters hin.

Das Technische unserer Bilder an-
laugend, ist folgendes zu benterken. Der
Ma lg rund ist sehr uneben. Es ist
Schmarzkalkmörtel, auf welchen die Bilder
ins Rasse mit Wasserfarben gemalt sind.
Zu allen Heiligenscheinen wurde ockergelb
verwendet, ebenso für die Pfostenein-
fafsungen, Leideilswerkzeuge, für die Ober-
gewandung braun, das allmählig in grau-
schwarz tiberging, für die Unterkleider mtb
Frauenüberwürfe weiß. Die Konturen
zeige): besonders gelb, braun und roth.
Ueberhaupt herrscht das Gelbe, Braun-
rothe iiiid Braungraue vor inid gibt beut
Ganzen einen abwechselnden lutb etwas
grellen Ton. — Dieser unebene Malgrund
uiid dazu die Technik des Freskomalens
erforderte ein t n chtiges K ö it it e n. Man
sieht, daß der Meister beit Pinsel frisch
und gewmtdt besonders in den Umriß-
linien führt. Auch versteht er es, mit
wenig Mitteln einen recht guten Effekt 51t
erzielen. Einerseits ist er tüchtig nt der
Kleinmalerei (keineswegs manierirte Ge-
wäitder, Draperie, kleine Figuren u. s. w.),
andererseits heftet er in großett Zügen
statuarische Gestalteit an die Wand. Jut
großen uttd ganzen getingen ihm die
kleineren Figurett besser. Unter beit
großen ist, wie schon bemerkt, übrigens
die Bischofsgestalt hervorragend. — Was
die Perspektive betrifft, so ist einmal
zu sagen, daß der Meister hauptsächlich
einen hohen, zuweilen auch einen mittleren
Augenpunkt gewählt hat. Er nahm Rück-
sicht auf den Standpunkt des Beschauers
und den Platz der Bilder. Zur näheren
Beurtheilung der Perspektive fehlen die
scharfen Linien und besonders der Hinter-
grund, der überall unerkenntlich ist. Nach
mittelalterlicher Praxis läßt der Maler
die Hauptgestalten zum Theil recht beträcht-
lich hervortreten, theilweise auf Kosten der
Perspektive und S y m m e t r i e. Letztere hat
ihre Vorzüge in der Komposition einzelner
Gruppen und Personen am Oelberg, bei
der Gefangennahme und sehr gut bei der
Beweiuung Christi. Ein Blick auf unsere
schematische Darstellung der Felder zeigt
nicht viel Sinn für Symmetrie in Größe,
Breite, Korrespondenz der Bilder und
Felder. Die einen beginnen tiefer unten,
die anderen mehr oben u. s. w. Ohne

gerade sorgfältig auf den Eyklus zu
schauen malte der Meister jedes einzelne
Feld, wohin und wie groß er es wollte.
Verschiedenes läßt sich weiterhin hervor-
heben betreffs A n a t 0 m i e, P r 0 p 0 r t i 0 n
und Gewandgebung. Im Ganzen und
Großen sind die kleineren Figuren anato-
misch gut gehalten. Je größer aber die-
selben, desto deutlicher treten Fehler und
besondere Merkmale auf. Die Köpfe sind
durchschnittlich oval bis rundlich, die Hände
und Arme sind einigemal, besonders beim
Weltenrichter und bei Maria, sehr ent-
wickelt. Die großen Gestalten (abgesehen
von dem Bischof) leiden an Leibarmuth,
Engbrüstigkeit, übermäßiger Schlankheit.
Auch zeigt sich da und dort (z. B. bei
Petrus) eine etwas gekrümmte Leibeshal-
tnng. Die Gewänder, welche mit sammt
der Teppichmalerei nicht der kunstvollen
Ausführung entbehren, sind nicht als selb-
ständiger Theil behandelt, fluthen nicht in
Bausch und Vogen, sondern liegen meist
enge am Leibe an. — Zur nähereu Cha-
rakterisiruug der Stimmung in den
Bildern fehlen meistens besonders die Ge-
sichte. Zum Theil sind sie abgeblaßt oder
abgefallen. Die ganze Haltung aber zeigt
nichts Ausgeartetes und Skurriles, dessen
die mittelalterlichen, den Volksschauspielcu
entnommenen Passions- und Kindheits-
scenen mit ihrer freiwilligen oder unfrei-
willigen Komik, Derbheit' und antisemi-
tischer Tendenz nicht ganz entrathen. Leiden-
schaftlich erregte Scenen mit Gliederver-
renkungen sieht man nicht. Die Haltung
insbesondere der Frauen ist sehr edel.
Hoheitsvolle Ruhe, ernster Schmerz, reli-
giöse Stimmung liegt auf den Bildern.
Der Maler ist mehr Lyriker als Drama-
tiker. Er fühlt sein Sujet und hat Em-
pfindung besonders für das Zierliche und
Zarte in den kleinen Darstellungen. Seine
Malerei hat eine Seele. Die Kunst ist
hier nicht Selbstzweck, sondern Mittel zum
Zweck. Der Künstler legt sich in erster
Linie die Frage vor: Was soll dargestellt
werden zur religiösen Erbauung des
Volkes? Aber die andere Frage ist ihm,
wenn auch sekundär, so doch nicht gleich-
giltig: Wie soll es dargestellt werden?

Diese Erörterung führt uns einen wich-
tigen Schritt weiter zur Zeitbestim-
mung dieser Gemälde. Um an das eben
Gesagte anzuschließen, so wissen wir, daß
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