Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 17.1899

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Organ des ^ottenburger DiözesanMereins für christliche Kuiift.

perausgeAeben und redigirt von Pfarrer vetzel in St. Lhristina-Raveiisburg.

Verlag des Rotteuburger Diözesaii-^(uus<vereius,
für denselben: der Vorstand Pfarrer Detzel in St. Lbristina-Ravensbnrg.

Erscheint mounwch einmal. Halbjährlich für M. 2.05 durch die wiirttembergischeii (M. 1.90
im Stuttgarter Bestellbezirk), M. 2.20 durch die bayerischen und die ReichSyvstanstalteu,
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Dic spätgothik in Schwaben.

Eine Studie und ein Vortrag von A. S.

Anstatt Die Sehenswürdigkeitelt und
.Sviutftiuerfe einer einzigen Stadt hervor-
znheben, die Sie ja heute selbst besich-
tigen können, möchte ich Ihnen Die Knnst-
periode, und zwar eine Glanzperiode eines
ganzen Landes, unseres geliebten Schwa-
benlandes, vorsühren. Ich gedenke, frei-
lieh in engem Rahmen, Ihnen ein BilD
der s p ä 1 gothi s ch e n Kunst im Schwa-
benland zu geben. Gerade Dieses Dhema
zu wählen bewog mich zunächst ein leb-
hafter Lokalpatriotismus. Bon IilgenD
aus habe ich iit meiner engern Heimath
sowohl wie an den Stätten meines Stn-
dinms ilnd meiner ersten Thätigkeit Die
Werke spätgothischer Kunst geschaut nnD
lebhaft bewnnDert, und späterhin mich
allzeit darüber verwundert, daß man ge-
rade die Werke und die Kunst dieser Stil-
periode einestheils ganz verkannt, andern-
theils nicht recht unterschieden, und end-
lich vielfach gar sehr abfällig benrtheilt
hat. Wie es eine Zeit gab, in welcher
man im Hellen Knnstpnrismns alles, was
nur an Barock und Zopf erinnerte, schlecht-
weg verdammte, als nnkirchlich verwarf
und vandalisch aus den Kirchen hinans-
wnrs, so gab es Zeiten und Kunstkritiker,
welche Die spätgothische Kunst kurzweg als
eine Degeneration, als einen Niedergang
Der herrlichen gothischen Kunst- und Bau-
weise bezeichneten. Man kommt auch hier
allmählig zu einem besseren Verständnis;
und einer gerechteren Würdigung Dieser
Kunstperiode, je mehr man überhaupt
sämmtliche Werke unserer Vorfahren er-
forscht und kennen lernt.

Eine kürzlich erschienene Schrift von
Erich Haenel, „Spätgothik und Renais-
sance", die mir in die Hunde siel, bringt

für die Benrtheilung der Spätgothik ganz
neue Motive und Gesichtspunkte. Mein
Interesse wurde dadurch sehr gesteigert
und ich glaube, der heimathlicheu Kunst
und deren Liebhabern und Bewunderern
einen Dienst zu erweisen, wenn ich Sie
zu einer gerechten Würdigung und auf-
merksamen Beachtung und Betrachtung der
Kunstdenkmale dieser Periode nnznleiten
mich unterfange.

Ja, welches ist denn überhaupt diese
Knnstperiode und was versteht man
unter S p ä t g o t h i k? wird da Die erste
Frage ans Dem Zuhörerkreis lauten.
Da schlägt man einfach die Knnstbücher
und Kunstgeschichten ans, dort wird's
genau zu lesen sein. Man findet die land-
läufigen Beschreibungen, das; mit dem
i 5. Jahrhundert ein Niedergang der gothi-
schen Kunst eintrete, in welchem die reinen
und edlen Formen der Gothik verschlechtert,
ernüchtert, verzerrt, übertrieben, ansge-
lassen erscheinen. An Stelle der edlen
Kreuzgewölbe treten die unruhigen Stern-
nnd Retzgewölbe, an Stelle Der herrlichen
Drei- und Vierpaßmaßwerke die willkür-
licben sogenannten Fischblasen, die Rippen,
Rnudstäbe, Profile, Hohlkehlen dnrchschnei-
dcn sich, an der Stelle des stilisirten
gothischen Laubwerks finde sich zum sichern
Zeichen des Absterbens der Kunst ein
dürres, knorriges Ast- und Stabwerk, die
Hallenkirche mit dem ungeheuren Dach
' verdränge fast überall den schönen Aufbau
der Basilika. Gelobt wird im Allgemeinen
nicht viel an der Spätgothik. Auch Keppler
in den „Kirchlichen Kunftalterthümern
Württembergs" bemerkt, daß „der Spät-
gothik viel Fehlerhaftes, Laune, Willkür,
Mangel an Ernst, auch mitunter Geschmack-
losigkeit nachgesagt werden kann, daß sie
aber doch Großartiges und Herrliches schuf
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