Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 17.1899

Seite: 94
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und etwaige Fehler durch Leichtigkeit,
Klihuheit, Geist und Phantasie reichlich
aufmiegt - sonst iväre ja auch nicht zu be-
greifen, wie sie fast Zwei Jahrhunderte
hätte in Herrschaft bleiben foulten".

Um zu einer gerechten Beurteilung und
zu einer richtigen Kennzeichnung zu ge-
langen, fassen wir zunächst die Zeit in's
Auge, in welcher sie sich entwickelt, ge-
herrscht und gewaltet hat. Als terminus
ad quem wird allgemein das Zeitalter
der Reformation, die hereinbrechende Re-
naissance, etwa das Jahr 1530 bezeichnet,
lieber die Zeit ihres Eintretens sind die
Urtheile schwankend, doch wird zugestanden,
daß das Kunstleben unter Karl I V. bereits
der Spätgothit zuneige. Unbestritten wird
ihr das ganze 15. Jahrhundert einge-
räumt. In dieser Zeit untren die Bettel-
und Predigerorden aus der Höhe ihrer
Blüthe angelangt, durch sie war das re-
ligiöse Leben vielfach umgestaltet worden
und namentlich der Predigt ein hervor-
ragender Platz beim Gottesdienst verschafft
worden. Sodann hatte sich einerseits die
Pracht und Entfaltung des kirchlichen
Kultus gesteigert, anderseits wollte das
blühende Blirgerthum der Städte möglichst
an dieser Prachteutsaltung theilnehmen.
Der Einzelne wie die Gesammtgemeinde-
wesen wollten intensiver, inniger, lebhafter
und allgemeiner sich am Gottesdienst be-
theiligen, als dies bisher der Fall geivesen.
Deshalb mußte ein entsprechender Raum
geschaffen iverden. Die bisherigen roma-
nischen oder gothischeu Kirchen zeigen ein
langgestrecktes Schema. Centrale oder
centralisirende Bauten findet man in Früh-
und Hochgothik selten. Das hervorragendste
Beispiel ist die Liebsrauenkirche in Drier,
die offenbar nach einem Danzösischen Vor-
bild construirt ist. Die andere Central-
kirche, die Karlshofer Kirche in Prag, be-
rührt schon die spätgothische Zeit. Das
Bedürsniß der Zeit forderte im späteren
Mittelalter ein Ausdehnen mehr in die
Breite, nicht bloß in die Länge. Weite,
lichte Räume suchte man zu gewinnen, in
denen die Gemeinde ebenso der Predigt des
göttlichen Worts lauschen konnte, als dem
Mittelpunkt des Gottesdienstes, der hei-
ligen Blesse, näher genickt war. Darin
einen sogen, reformatorisehen Zug er-
blicken zu wollen, ist viel zu weit ge-

gangen. Es scheint uns gerade das
Gegentheil heranszukommen und zwar in
der doppelten Hinsicht, daß man auch in
vorresormatorischer Zeit die Bedeutung
der Predigt erkannt hat, dabei aber den
Mittelpunkt allen Gottesdienstes, das
Opfer, nicht übersah. Denn dein Altar-
! Hanse und -Raume blieb doch die Haupt-
! und Ehrenstelle gewahrt. Das beweisen
gerade die herrlichen spätgothischen, lichten
und weiten Chöre, namentlich auch an
kleineren Kirchen im Schwabenlande. Bei
sächsischen spätgothischen Bauten scheint
allerdings der Chor ganz mit dem Langhaus,
zusammenzusließen (Annaberg, Schneeberg,
Pirna, ZwickanP aber auch bei ihnen ist
der Schwerpunkt aus den Altarranm ge-
legt. Das ist doch echt katholisch, ebenso
wie die Bildung von Kapellen in den
hereingezogenen Strebepfeilern zu Reben-
altarräumen und zu Stätten der frommen
Einzelandacht und Betrachtung. Richtig
ist dabei nur in gewissem Sinne, was
Erich Hänel nicht ohne gehässig-frivolen
Seitenhieb aus Katholisches (p. 79 e. c.)
schreibt: „Was die letzten Vertreter mön-
chischer Wohlhabenheit schufen, hat sich
der Protestantismus ohne Mühe zu eigen
gemacht und mit derselben Freiheit lebt
er sieh in dieser Behausung aus wie einst
Psasseudevotion und Heiligenkult".

Das sogen. Raum Prinzip muß bei
i einer Charakterisirnng spätgotischer Bau-
weise vor allem beachtet und betont wer-
den. Aus diesem Prinzip sind die meisten
: Eigenheiten des Stils erklärlich. Aus die-
; sein Gesichtspunkt betrachtet man die Gmün-
j der Heiligkreuzkirche trotz ihrer hochgothi-
schen Formen und ihrer französischen Chor-
| anlage als den ersten spätgothischen Bau,
ebenso die ihr verwandten Bauten in Nörd-
^ lingen und Dinkelsbühl. Das Jahr 1351,
in welchem die Gmünder Kirche begonnen
wurde, wird daher als das Geburtsjahr
der Spätgothit bezeichnet. Breite, lichte,
weite Räume sollte auch das lllmer Mlin-
j ster erhalten (gegründet 1379t, drei gleich-
breite Schiffe, wobei freilich der basilikale
Aufbau noch beibehalten wurde. Die spät-
gothischen Hallenkirchen machen, wie Hänel
richtig bemerkt, einen saalartigen Eindruck.
Er nennt sie geradezu Saalkirchen und
sagt, in dieser Rannüdee trage die Spät-
gothik schon die Renaissance in sich, ja
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