Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 17.1899

Seite: 95
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sei selbst Renaissance. wichtig verstanden
nnd angewendet, können wir das gelten
lassen, es ist kein Tadel, sondern hohes
Lob.

Rach der Raumidee richtet sich auch der
Gewölbeban der Spätgothik. Der Ver-
tikalcharakter der Hochgothik brachte ein
Streben nach angemessenen Höhendimen-
sionen mit sich, die Spätgothik nähert sich
mit ihrenl Ranmideal der Horizontalen
nnd damit komint die Gewölbebildung
ihrem eigentlichen Zweck als Decke wieder
näher. Das gothische Krettzgemölbe hat
ein transcendentes, fupernatnrelles Streben,
der Scheitel des Spitzbogens weist weiter
hinauf in höhere Räume nnd schließt sich
in den Rippen nur gezwungen zusammen,
während das gedrücktere spätgothische Ge-
wölbe, das inehr bem Tonnengewölbe
sich nähert, den Raum nach oben eher ab-
schließt, wenn and) die Gewölbe noch so
hoch sind mtb die Reichhaltigkeit der Rup-
pen, ihre Variation uitb Zierlichkeit das
Gefühl der Leichtigkeit Hervorrufen sollen.
Wie bei Profanbaitten ein streng gothi-
sches Kreuzgewölbe gleichsam seinen Zweck
verfehlt und statt erhebend, drückend wirkt,
so mußten die breiten Räume der Spät-
gothik anders eingeuwlbt werden, als die
schmalen, langgezogenen Kirchenschiffe und
Chöre der hochgothisä en Periode.

Die Drnämentik der spätgothischen Pe-
riode ist ebenfalls nach dem Raume be-
rechnet. Allerdings finden wir hiebei einen
scheinbaren Gegensatz, einerseits eine ge-
wisse Ueberladenheit mtb Schwülstigkeit
im Kleinen nnd eine scheinbare Trocken-
heit mtb Nüchternheit tut Großen. Die
weiten Räume, um dies an einem Bei-
spiele zu zeigen, des Ulmer Münsters
scheinen leer, trocken, itacft; keine Tri-
sorieitgallerie unterbricht die hohen Sarg-
wände des Mittelschiffs, feilte reichver-
zierten Kapitäle krönen in spätgothischen
Kirchen den reichprosilirten Säulenschaft,
sondern meistens unvermittelt schießen die
Gewölberippen an, es scheint der Sinn
für eine reiche Ornamentik zu fehlen —
und doch finden wir an kleineren Werken,
an Altären, Chorgestühlen eine Fülle, ja
eineUeberladung, einen Uebermnth von Zie-
raten und ornamentalen Theilen. Die
großen Räume waren eben für Bemalung
auch berechnet. An den Wänden, Pfei-

lern nnd Sänken des Ulmer Münsters
finden sich Spuren einstiger Bemalung.
Wie viel mag in spätgothischen Kirchen
an den leeren kahlen Wänden noch unter
der Tünche verborgen sein? Die Rüch-
ternheit und Trockenheit der Formen ist
meistens Berechnung bei spätgothischen
Bauten. Wer aber die spätgothischen
Sakramentshänschen nnd Altäre betrachtet,
wird dieser Periode das Können nicht ab-
sprechen. Eine technische Fertigkeit, die
es zu solcher Vollendung gebracht, wird
kaum ein Zeichen des Niedergangs sein,
lieber die Reinheit und Gefälligkeit der
Formen zu urtheilen, ist Geschntackssache.
Manche finden z. B. die Verbindung von
spätgothischen und Frührenaissanceformen
reizend, andere bezeichnen sie als ein Un-
ding und als eine Geschmacklosigkeit. Wir
glauben aber immerhin, daß auch den
spätesten gothischen Meistern ein Schön-
heitsideal vorgeschwebt hat. Ihr Natura-
lismus ist ja heutzutage ein Lob gewor-
den. Damit wollen wir die Charakteri-
stik der Spätgothik im Allgemeinen ab-
schließen. Es werden bei Betrachtung der
schwäbischen Denkmale noch manche Einzel-
heiten und Eigenheiten herauskommen.
Als Resume aber erlauben nur uns zu
sagen, daß die Spätgothik eine eigen-
artige Weiterbildung des gothischen Stils
bedeutet, der es an Originalität, Kühn-
heit, technischer Fähigkeit nicht gefehlt hat,
die Werke gefchasfen hat, welche für alle
Zeiten Zeugnis; ablegen eines hohen, künst-
lerischen Könnens und Schaffens. Zum
Schluß dieser allgemeinen Charakterisirnng
möge noch gestattet sein, auf die Blüthe
dieses Spätstils in Frankreich, England
und Spanien hinzuweisen, wo dieser sogen.
Flambopant-Stil in der Ornamentation
Staunenswerthes bietet, einen ungeheuren
Reichthum reizender und zierlicher Formen.
In Spanien hat der spätgothische Ge-
wölbebau so sehr sich eingelebt, daß die
strengsten und ausgesprochensten Renais-
sancebauten beinahe ein ganzes Jahrhun-
dert noch mit gothischen Stern- und Netz-
gewölben versehen wurden. Toledo und
Burgos in Spanien, Bourges und Albv
in Frankreich, die Kapelle Heinrichs VII.
in Weskminster sind beredte Zeugen spät-
gothischen Kunstlebens auch im Auslande.

Doch nun zum lieben Schwabenlande
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