Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 17.1899

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Frauenkirche, einem Werke der Eilsinger
nno Böblinger, wie Ulvl's Münster, Es
ist eine echte spätgothische Hallenkirche in
seinen, aber freien Formen erstellt, eine
achte Predigtkirche, die Kanzel steht in der
Mitte der ineiten Halle. Die Verhältnisse
des Baues sittd trefflich abgewogen. Ihr
berühmter Dhnrm mit dem dnrchbrocheneil
Helm zeigt die Virtuosität des Meisters
Ulrich von Ensingen in der Beherrschung
der Verhältnisse am tnarkantesten (Hänel).
Eine zweite herrliche spätgothische Kirche
in Ehlingen ist spurlos vom Erdboden
verschwunden.

Um zunächst bei den schiväbischen Reichs-
städten zn bleiben, wetiden mir uns nach
Rottweil und finden dort zwei spätgothische
Bamverke, das Langhaus der Heiligkreuz-
kirche und ebenso das Langhaus der Ka-
pellenkirche (letzteres nmgebant und ver-
ändert). Beint Grundriß der Heiligkreuz-
kirche fällt die Breikeausdehutlug sofort
ins Auge, die hervorgebracht wird durch
die in spätgothischer Zeit so beliebte
Hereinziehnng der Strebepfeiler zn Ka-
pellenanlagen. Das Eanghaus der Heilig-
krenzkirche ist beinahe halb so breit als
lang, das Verhältnis wie l : 2. Ueberaus
reich sind in dieser Kirche die Gewölbe,
namentlich der Seitenschiffe und Kapellen.

Einen saalartigen Eindruck macht die
ähnlich, aber höher und lichter veranlagte
Peter- und Paulskirche zu Weilderstadt
von 1492. Ein hoher, heller, spätgothi-
scher Chor ist durch ein romanisches Dhnrm-
paar von der breiten Halle des Schiffs
getrennt. Bemerkenswerth ist hier nitb
anderwärts die geschickte Art, wie die
spätgothischen Baumeister es verstanden
haben, ihre Bauwesen vorhandenen brauch-
baren Dbeilen älterer Bauwerke anzuglie-
dern ltitö solche zu verwerthen. Sie zer-
ltörten nicht radieal alles.frühere, sondern
zogeil es herein in ihren Plan, uitb
paßten denselben den gegebenen Verhält-
nissen an.

Von reichsstädtischeil spätgothischen Bau-
teil wären tioch §u erwähnen die Martins-
kirche iil Leutkirch, die Stadtkirche in Jsilp
und etwa die Fodokskirche tu Ravensburg
von 1385.

«Fortsetzung folgt.)

Die Glockengießerkunst in der ehe-
maligen Reichsstadt Ulm.

Von Theodor Schön.

In der alten Reichsstadt Ulnr erscheint
schon 1410 Jerg Kästner als Glocken-
gießer. Die große Glocke (1410 oder 1412)
und die mittlere (1416) Glocke in Alt-
heim, DA. Ulnl, haben in goth. Minuskeln
die Unlschrist: es gos mich Jerg Kastner
zu Vlm zu er Maria und sant Mattheus
und sant Marcus und sant Lucas und
sant Johannes. Auch goß er 1416 die
größere in Oellingen, DA. Uliil, mit
Ranren der vier Evangelisten, 1420 die
Frühglocke im Münster zil Ulnr und in
Merklingen, DA. Blanbellren. Auch die
größte Glocke in Weiler, DA. Gnlüild,
hat in goth. BUnllskeln die Inschrift: in.
sant. mattheus. rnarcus. lucas. iohannes.
es gos mich joerg. kastner. Zu. ulm.
1522 (wohl Lesefehler für 1422).')

Als nächster Glockengießer erscheint Jo-
hannes F r a e d e n b e r g e r, der aber früher
ilnd länger als 1436—144Och ivirkte.
Die kleinere Glocke in Eiilsingen, Dberamt
Ullii, hat in goth. Minusketll die Unlschrist:
ano dm. ' M , EEEE , XXX j (1430)
per | man. | iohanis Fraedenberger
de | ulma, die mittlere in Goettingeu,
Dberamt Ulm, per mail. iohanis krae-
denberger de ulma ano domini
MCCCCXXXV1I (1437), unter der Unl-
schrist des Reliefs: Kreuzigung lind Mariae
Verkündigung, die kleinere daselbst ist
gleichfalls von Johann Fraedenberger
MCCCCXXXX (1440). Eine reich orna-
mentirte Glocke zu ApfeltracH hat die
Unlschrist: per manus Joh. Fraedenber-
ger de Ulma. Anno 1440. Die größere
in Ettlenschieß, DA. Ulm, hat die Unl-
schrist: anno domini MCCCCXXXXI1I
per manus Johanis Fraedenberger de
Ulma, darunter Reliefs, ans der einen
Seite Krnzisirns mit Maria nitb Johannes

0 äOeijenitann, neue Nachr., S. 52, der in
der neuen OA.-Beschr. II, 147 genannte Glocken-
gießer Georg Baliner ist wohl mit Georg
Kastner identisch.

-) Munsterblatter 1.1,82; christl. Kunstblatt 1866,

138. Auch die mittlere Glocke in Ueberkingen,
die nach Haid, Ulm, S. 659 von einem Johannes
Frommend erger stammen soll nild 1436 ge-
gossen ward, wird ein Werk des Fraeden-
berger sein.
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