Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 17.1899

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Neckarthal begegnen uns diese ftrebepseiler-
geschmückten, kräftigen und malerischen
Chöre, zu denen vielfach das alte ur-
sprüngliche oder das später verilnstaltete
Langhaus in keinen rechten Verhältnis^
steht. Was sagen uns diese herrlichen
und zahlreichen Chöre? Sie sagen uns
knnstgeschichtlich, daß die Banthätigkeit
dieser Periode eine gewaltige, das ganze
Land erfassende gewesen. Sie sagen uns
in ihrer, wenn auch vielleicht handwerks-
wäßigen Tüchtigkeit, daß jene Zeit keine
schlechten Steinmetzen gehabt und daß ihre
Architekten nichts Unwürdiges geschaffen
haben. Sie sagen uns liturgisch und
kirchengeschichtlich, daß mit Vorabend der
Reformation der Mittelpunkt des katho-
lischen Gottesdienstes, die hl. Messe und
das Altarssakrament wohl und tief ge-
wnrdigt wurde. Darnnt wußte inan in
späterer Zeit nichts Besseres zu thnn, als
in die zierlichen Chöre und Chörlein
hinein Orgelemporen zu ziehen und mit
Orgelkästen und Sitzbänken beit ganzen
alten Zauber zu zerstören, bis jetzt wieder
ein besseres Verständniß mit diesem prote-
stantischen Zopf anfräumt und die lichten
Chöre wieder frei macht.

Eine weitere Eigenart dieser Dorf-
kirchen, wenigstens der Mehrzahl derselben,
ist die, daß das Langhaus einschiffig und
zumeist flach gedeckt ist. Das ist ein Be-
weis dafür, daß man trotz des reichen
Chors in bescheidenen Rahmen bleiben
wollte. Es sind wirkliche Dorfkirchen,
keine Imitationen von Kathedralen und
Stadtkirchen. Auch die reicheren derselben
behalten den Charakter von Dorskirchen.
Rur wenige dreischissige Bauten sind in
würüembergischen Landorten zu finden,
Amtzell, Rohrdors, Berg bei Ravensburg,
Königseggwald im Oberland, Effringen
bei Nagold als eine Art Votivkirche eines
reichen Geschlechts.

Eine dritte Eigenthümlichkeit dieser
Dorskirchen, die allerdings selten geworden
ist, sind die Altarciborien für die Seiten-
altäre. Ich glaube, daß diese Einrichtung
gerade bei uns weiterverbreitet gewesen
ist als eine Anlehnung an die bei Stadt-
und Klosterkirchen gebräuchlichen Lettner
intb als Ersatz für eigentliche Seiten-
kapellen. Die Thnrmbanten der spät-
gotbischen Dorskirchen sind vielfach Ueber-

refte älterer Bauten. Im Unterland tritt
vielfach an die Stelle des alten Sattel-
dachs das vom Viereck abgeschrägte, acht-
seitige, oft sehr spitze Zeltdach.

(Schluß folgt.)

Die Glockengießerkunst in der elw-
maligen Reichsstadt Ulm.

Von Theodor Schön.

(Fortsetzung statt Schluß.)

Algöwer ans Ubn war in Diensten des
Markgrafen Georg Friedrich von Bran-
denburg zu Ansbach und goß 1596 die
große Glocke int Mariükappel mit der
Inschrift: Zu Gottes Lob und Er braucht
man mich. Valentin Allgeier uoit Ulm
zu Onolzbach gos mich 1596, nebst dem
brandenbnrgischen Wappen mit der Um-
schrift: G. F. M. Z. B. J. B. Ick. 1590.

(Georg Friedrich, Markgraf zu Branden-
burg. Inhaber beider Herrschaften, d. h.
in Ansbach und Bayreuth.) Die größte
Glocke in Owingen (Hohenzollern) hat die
Umschrift: Valentin Algayer in Ulm goß
mich 1601. Ztl Gottes lob und ehr
braucht man nach, uitb hat ans dem Man-
tel das Hohenzollernsche Wappen uitb die
Buchstaben: E. F. G. Z. FI. S. i Eitel
Friedrich VI., Graf 51t Hohenzollern-Sicp
umringen.) Er goß die große prachtvolle
Glocke in Henbach, OA. Gmünd, welche
außerordentlich schöne Henkel in 'Re-
naissancestil mit Löwenfratzen und in sehr
schöner, deutlicher Schrift mit prächtigen
großen Anfangsbuchstaben die Umschrift hat:
Gehn Heubach hin zu S. Illerich
Valentin Algeier Goß Mich.

Von Ulm ztl Gottes lob Ich war.
Erstlich gelitten als man klar
Zelt 1600 und drey Jar.

Die größte Glocke in Ebnat, OA. Reres-
heim, hat die Umschrift in schönen Bnch-
staben: Hartman grave ztl dillingen unb
kyburg, stüfter des gottShans nörsheim.
! Valentin allgeier in Ulm goß mich anno
1603.

Melchior ein abbt zwar
in dem gottshaus für war
zu nörsheim that sein
hat die drei Glocken fein
der gemein ebnet hieher
laßn gießen gott zur ehr 1603.
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